Verbraucherschutz
Brigitte Neumann
Zutatenlisten: „Steht drauf, was drin steckt?“
Bei Frühstücksflocken, Fruchtjoghurt, Tütensuppen, Tiefkühlkost und vielen weiteren verpackten Lebensmitteln werden wir über so manches im Ungewissen gelassen - allen Zutatenlisten zum Trotz. Hier wird aufgedeckt, was in den Zeilen nicht steht:
Geheimnisvolle Aromen
Bei vielen Fertiggerichten bringt nicht die Kunst des Kochens sondern das Kunstkochen den vollendeten Geschmack. Mit mehr als 2500 verschiedenen Aromen schafft es die Lebensmittelindustrie beispielsweise, Müslimischungen, Joghurts und Tees fruchtig schmecken zu lassen, obwohl kaum Früchte enthalten sind. Himbeeraroma kommt aber nicht aus der Himbeere. Natürliches Aroma aus Früchten zu extrahieren wäre viel zu teuer. Stattdessen züchtet die Aromaindustrie gentechnisch veränderte Mikroorganismen, deren Aufgabe es ist, den gewünschten Geschmack billig und in großen Mengen zu produzieren. Der Begriff Aroma in der Zutatenliste darf aber auch Konservierungs- und Bindemittel sowie Süßmittel verbergen.
Versteckte E-Nummern
Fruchtjoghurt ohne Konservierungsstoffe? Meistens Fehlanzeige! Auch wenn das so auf dem Becher steht. Denn die Fruchtmischung darf ganz legal ihre Konservierungsstoffe enthalten ohne sie als E-Nummer deklarieren zu müssen. Sobald ein Zusatzstoff in nur einem Teil eines zusammengesetzten Produktes mit weniger als 2% vorhanden ist, braucht er nicht auf der Zutatenliste erscheinen.
Verteilte Süße
Auch mit dem Zucker wird oft getrickst. Statt normalem Zucker enthalten die Produkte eine Mischung aus Glukose, Glukose-Fruktosesirup, Fruktose, Laktose oder Maltose bzw. Dextrose. Das verhindert, dass der Zucker beispielsweise bei Frühstücksflocken oder Keksen in der Zutatenliste auf die vorderen Plätze rückt, die für den mengenmäßig größten Anteil stehen.
Getarnte Geschmacksverstärker
Die Tütensuppenindustrie wirbt mit 100% natürlichem Geschmack ohne Geschmacksverstärker für viele Suppenpulver. Sie fügt tatsächlich keinen Krümel Glutamat als solches hinzu. Aber sie verschweigt, dass einer der Hauptbestandteile des enthaltenen Hefeextraktes oder der Würze dieser Geschmacksverstärker ist. Glutamat ist als Aminosäure natürlicher Bestandteil vieler Proteine und in Hefe- oder Algenextrakten besonders reichlich vorhanden. Sie verleiht herzhaften Speisen ein ausgewogenes Aroma, und verhindert, dass z.B. Fertiggerichte mit zunehmender Lagerdauer fade schmecken. Mit Glutamat als „Aromastoff-Intensivierer“ schmeckt Pfifferlingscremesuppe auch nach Jahren noch nach Pilzen. Pfifferlinge sind gerade mal ein ganzer halber in jedem Teller fein zerkrümelt vorhanden… Außerdem regt Glutamat den Appetit an. Wir werden verführt, mehr zu essen als wir Hunger haben – und entsprechend empfindsame Menschen reagieren mit Kopfschmerzen auf größere Mengen Glutamat.
Vorsicht Falle: Nährwertampel
Verbraucherschützer verbreiten die Vision, dass das Täuschen und Tarnen beendet werde mit der Einführung einer Nährwertampel, die grüne, gelbe und rote Punkte für Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz verteilt.
Doch für „Grüne-Punkt-Produkte“ könnte die Lebensmittelindustrie erst recht in ihre Trickkiste greifen. Sie könnte z.B. Dosensuppen, Tütenmahlzeiten und Becherdesserts kreieren, die arm sind an Fett, Zucker und Salz, aber reich an Aroma- und Ersatzstoffen. Solche Kunstprodukte würden grün (= gesund) punkten im ohnehin schon vorhandenen Wettbewerb gegen Kartoffeln, Milch, Fleisch, Gemüse und Obst.
Mindestens verfügbar bis…
Das Angebot an Lebensmitteln ist vielfältig und zu viel. Wir können uns auch für Lebensmittel entscheiden, die keine aufgedruckten Zutatenlisten brauchen. Die geschmierte Stulle gewinnt dann gegenüber dem eingeschweißten Sandwich. Kartoffeln mit Eiern und Spinat oder Spaghetti mit Pesto und Salat sind schnell gekocht – und machen Kartoffelgratin oder Lasagne aus der Tüte überflüssig. Noch haben wir die Wahl…





