Zwickmühle

Die Forderung nach „evidence-based nutrition” könnte also die Arbeit derjenigen in Frage stellen, die in den vergangenen Jahrzehnten nach bestem Wissen darum bemüht waren, jeden, vom Säugling bis zum Senior, zu motivieren, vertraute Ernährungsgewohnheiten zugunsten neuer Erkenntnisse zu verändern. Je mehr methodisch „gute“ Studien publiziert werden, desto offensichtlicher wird, wie wenig wir über die immer wieder beschworenen präventiven Wirkungen der richtigen Ernährungsweise tatsächlich wissen.

Beim Fett dauerte es immerhin 11 Jahre, in denen vier Projektleiter ihr Amt niederlegten, bis man letztendlich von oberster Gesundheitsbehörde zu der Aussage kam, dass der gestern noch propagierte gesundheitsfördernden Effekt von fettarmer Ernährung heute so nicht mehr gültig sei. Das geschah so ziemlich zeitgleich mit dem gescheiterten Nachweis, die postulierte so genannte „gesunde Ernährung“ verhindere tatsächlich die am meisten verbreiteten Zivilisationskrankheiten.

Allerdings ist ernährungswissenschaftliche Forschung einem besonderen Dilemma ausgesetzt, denn im Bereich Ernährung müssen Entscheidungen oft schnell getroffen werden. Schließlich essen wir dreimal täglich – und können in vielen Fällen nicht darauf warten, bis Nebenwirkungen und Risiken dessen, was wir essen, wissenschaftlich fundiert abgeklärt sind. Forschungsarbeiten hingegen dauern oft Jahrzehnte.

Der im Bereich der Ernährungsforschung an der Universität in Hohenheim tätige Wissenschaftler Prof. Dr. Hans Konrad Biesalski kritisiert denn auch die bisherige Wissenschaft als zu statisch, zu konformistisch und zu dogmatisch. Bisheriges als wissenschaftlich gesichertes Wissen könne größtenteils lediglich als vorwissenschaftliche Erkenntnis angesehen werden.