Hören, was die Gene sagen?

Wenn „evidence-based nutrition" alle Zusammenhänge aufgreift, neben ernährungsmedizinischen auch geistes- und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse viel stärker mit in ihre Untersuchungen einfließen lässt, werden die Regeln für gesunde Ernährung vermutlich um einiges komplexer. Dann gibt es vielleicht gar keine als allgemeingültig anerkannten Ernährungsregeln mehr, weil die individuellen Unterschiede dessen, was jede oder jeder braucht, nicht in einfachen Regeln oder Modellen fassbar sind. Möglicherweise deckt sie dann wissenschaftlich auf, dass Ernährung viel mehr ist als die Summe messbarer Einzelbestandteile – und findet im Prinzip zurück, was jahrhundertealte Erfahrungen bestätigen: Es gibt gute und schlechte Esser, dicke und dünne Menschen, krankheitsanfälligere, empfindlichere Typen und robuste Naturen. Je nachdem, welcher Typ und in welcher Verfassung man selber ist, bekommt einem die warme Gemüsesuppe besser als die kalte Salatplatte oder umgekehrt.

In einem unterscheidet sie sich jedoch von der Vergangenheit: Wenn früher Erfahrungen das Verhalten geprägt haben, sollen das zukünftig eher wissenschaftliche Erkenntnisse über die genetische Ausstattung des einzelnen bewirken, eben jene gentechnischen Erfolge, von denen Professor Dr. Biesalski sagt, sie würden zu einer gezielten individuellen ernährungswissenschaftlichen Beratung führen. Sobald also durch genetische Untersuchungen ernährungsabhängige Krankheiten erfasst werden, könnte durch gezielte Beratung und individuell abgestimmten Kostplan der Ausbruch der Krankheit zumindest verzögert, wenn nicht gar verhindert werden. Beispielsweise verdichtet sich immer mehr, dass Alkoholismus genetisch bedingt ist Weist man also das „Alkoholgen“ nach, könnten Maßnahmen getroffen werden, mit denen die betroffene Person sich vor einer Sucht schützen kann. Gleiches ist für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder sogar Tumorentstehungen denkbar.

Doch kein Licht ohne Schatten. Wie werden die Ausbildungs- und Arbeitsplatz-Chancen für den genetisch prädestinierten Alkoholiker sein? Fordern Krankenkassen und Lebensversicherungen höhere Beiträge bei Anwesenheit eines Diabetes-, Herzinfarkt-, oder Tumorgens? Begibt sich ernährungsmedizinische Forschung auf den Weg zum „gläsernen Menschen“, dürfen ethische Fragestellungen nicht draußen vor bleiben.