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Die Leseprobe wurde mit freundlicher Genehmigung der Autoren entnommen
aus:
Neues vom Zappelphilipp. ADS
verstehen, vorbeugen und behandeln
Taschenbuch - 120 Seiten - Walter Vlg., Düsseldorf
ISBN: 3530401315
Erst in den letzten 10 Jahren ist
es den Hirnforschern und Entwicklungspsychologen vor allem mit Hilfe
der sog. bildgebenden Verfahren gelungen nachzuweisen, welch
nachhaltigen Einfluss frühe Bindungserfahrungen darauf haben, wie und
wofür ein Kind sein Gehirn benutzt, und welche Verschaltungen zwischen
den Milliarden Nervenzellen deshalb besonders gut gebahnt und
stabilisiert, und welche nur unzureichend entwickelt und ausgeformt
werden. Diese Erkenntnis beginnt sich jetzt erst allmählich unter
Kinderärzten, Psychiatern und Erziehern auszubreiten. Bis sie in allen
Schichten der Bevölkerung und bei allen Eltern angekommen ist, werden
wohl noch Jahre vergehen.
Nicht viel anders verhält es sich
mit der zweiten wichtigen Erkenntnis, die sich zwangsläufig aus der
Tatsache ergibt, dass die frühkindlichen Bindungen nur der erste
Schritt eines langen und komplizierten Sozialisationsprozesses sind. Im
Verlauf dieses Prozesses lernt jedes Kind, sein Gehirn auf eine
bestimmte Weise zu benutzen, indem es dazu angehalten, ermutigt oder
auch gezwungen wird, bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten stärker zu
entwickeln als andere, auf bestimmte Dinge stärker zu achten als auf
andere, bestimmte Gefühle eher zuzulassen als andere, also sein Gehirn
allmählich so zu benutzen, dass es sich damit in der Gemeinschaft, in
die es hineinwächst, zurechtfindet. In unterschiedlichen Kulturen
aufwachsende Kinder erwerben dabei z.T. sehr unterschiedliche kulturell
tradierte Fähigkeiten. Die Kinder der Eingeborenen des amazonischen
Regenwaldes lernen auf diese Weise bis zu einhundert verschiedene
Grüntöne zu unterscheiden und die der Inuit im nördlichen Polarkreis
ein Dutzend verschiedene Formen von Schnee auseinanderzuhalten. Auch
unsere Kinder erwerben im Verlauf dieses Prozesse all jene Fähigkeiten
und Fertigkeiten, auf die es eben für das Leben in unserem Kulturkreis
ganz besonders ankommt. Und indem sie das tun, werden auch die dabei
immer wieder aktivierten neuronalen Verschaltungen stärker und
intensiver benutzt, ausgebaut und entwickelt.
Alles, was auf diese Weise erst im
Verlauf der ersten Lebensjahre gelernt werden muss, wird von anderen
Menschen übernommen. Keine dieser kulturspezifischen Leistungen ist
angeboren. Alles, worauf wir später stolz sind, was uns als
Persönlichkeit ausmacht, was wir wissen und können ebenso wie das, was
wir denken und fühlen, ja sogar das, was wir wünschen und träumen und
nicht zuletzt das, was wir als unsere Muttersprache bezeichnen,
verdanken wir dem Umstand, dass es andere Menschen gab, die uns bei der
Benutzung und Ausformung unseres Gehirns geholfen haben. Ohne sie
hätten wir womöglich noch nicht einmal aufrecht zu gehen gelernt, wir
wären nicht in der Lage, uns in einer bestimmten Sprache auszudrücken,
wir wüssten nicht, was essbar und was giftig und gefährlich ist. Wir
hätten weder Fahrradfahren noch irgendein hierzulande alltägliches
Gerät zu bedienen gelernt. Wir könnten nicht schreiben, lesen und
rechnen, auch nicht musizieren, singen und tanzen. Dieses Buch könnten
wir noch nicht einmal zum Verfeuern benutzen, denn auch Feuer hätten
wir nicht, und uns hätte auch niemand gezeigt, dass es möglich ist, die
natürliche Angst davor zu überwinden. Wir wären der äußeren Welt und
unseren inneren Antrieben hilflos ausgesetzt, wüssten nicht, worauf wir
besonders zu achten haben, hätten nicht gelernt, all die vielen
komplexen Bewegungsabläufe und feinmotorischen Handlungen zu steuern,
die man nur von anderen Menschen lernen kann, und wir wären auch kaum
in der Lage, irgendwelche in uns aufkommenden Impulse zu kontrollieren.
All das und noch vieles mehr muss
jedes Kind im Verlauf eines schwierigen und daher auch sehr
störanfälligen Prozesses erst erlernen. Dass das geschieht, erscheint
uns so selbstverständlich, dass wir kaum je darüber nachdenken, was aus
unserem Gehirn geworden wäre, wenn wir keine Gelegenheit bekommen
hätten, uns all diese Fähigkeiten und Fertigkeiten im Verlauf unserer
ersten Lebensjahre von anderen Menschen anzueignen. Es wäre ein Gehirn
geworden, in dem all dass, was zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht
fertig ausgereift ist, sich nicht so weiter entwickelt, organisiert und
strukturiert hätte, wie das nun einmal geschehen ist. Ein solches
Gehirn könnten wir deshalb auch heute nicht so benutzen, wie wir das
nun einmal tun. All die noch komplexen Verschaltungen, die nicht
automatisch entstehen, sondern die nur dann herausgeformt und
stabilisiert werden können, wenn sie auch immer wieder aktiviert und
benutzt werden, wären ohne die vielen Anregungen und Ermunterungen,
Maßregelungen und Ermahnungen, also ohne die aktive Einflussnahme
anderer Menschen auf unsere Hirnentwicklung nicht entstanden. Unser
Gehirn ist in viel stärkerem Maß, als wir bisher geglaubt haben, durch
diese anderen Menschen und all das, was diese wiederum von anderen
Menschen übernommen hatten, strukturiert worden.
Die Hirnregion, in der all diese
komplexen, nutzungsabhängigen neuronalen Verschaltungen letztendlich
zusammenlaufen, ist eine Region, die sich beim Menschen zuletzt und am
langsamsten entwickelt, und die auch bei unseren nächsten tierischen
Verwandten weitaus kümmerlicher ausgebildet ist. Anatomisch heißt sie
Frontal- oder Stirnlappen. Es ist diejenige Hirnregion, die in
besonderer Weise daran beteiligt ist, aus anderen Bereichen des Gehirns
eintreffende Erregungsmuster zu einem Gesamtbild zusammen zu fügen, und
auf diese Weise von „unten“, aus tiefer liegenden und früher
ausgereiften Hirnregionen eintreffende Erregungen und Impulse zu hemmen
und zu steuern. Ohne Frontalhirn kann man keine zukunftsorientierten
Handlungskonzepte und inneren Orientierungen entwickeln, kann man
nichts planen, kann man die Folgen von Handlungen nicht abschätzen,
kann man sich nicht in andere Menschen hineinversetzen und deren
Gefühle teilen, auch kein Verantwortungsgefühl empfinden. Unser
Frontalhirn ist die Hirnregion, in der wir uns am deutlichsten von
allen Tieren unterscheiden. Und es ist die Hirnregion, die in
besonderer Weise durch den Prozess strukturiert wird, den wir Erziehung
und Sozialisation nennen.
Die lange Zeit aufrechterhaltene
und bis heute vorgenommene Trennung zwischen der Hirnentwicklung und
der Entwicklung des Verhaltens, Denkens und Fühlens, ja selbst des
Gedächtnisses hat sich inzwischen ebenso als Irrtum erwiesen wie die
Vorstellung, dass der Prozess der strukturellen Ausreifung und
Umformung des menschlichen Gehirns gegen Ende des 3. Lebensjahres
weitgehend abgeschlossen sei. Inzwischen ist deutlich geworden, wie eng
die Entwicklung dieser Funktionen an die Ausformung und Reifung
cerebraler Strukturen gebunden ist. Um diese Strukturen ausbilden zu
können, suchen und brauchen bereits Neugeborene die lebendige
Interaktion mit andern Menschen. Die bereits intrauterin entstandenen
neuronalen Verknüpfungen bilden nur ein vorläufiges Muster für einen
noch kontext- und nutzungsabhängig herauszuformenden späteren Zustand.
Bei neuen Erlebnissen werden die dabei synchron aktivierten neuronalen
Netzwerke miteinander verknüpft. Sie repräsentieren durch ihre
Aktivitätsmodalität in der „Innenwelt“ des Gehirns das Geschehen in der
„Außenwelt“ in symbolischer Weise. Ein „Wiedererkennen“ findet immer
dann statt, wenn die gleichen neuronalen Netze erneut aktiviert werden.
Subkortikale, zu früheren
Zeitpunkten herausgeformte neuronale Netze stehen stärker mit
emotionalen Zentren in Beziehung und sind stabiler als die später
entstandenen kortikalen Netzwerke. Die kortikalen Strukturen zeichnen
sich durch eine besonders hohe nutzungsabhängige Plastizität und
Modulationsfähigkeit aus und können subkortikal als Folge früher
Erfahrungen entstandenen Verschaltungsmuster überlagern. Da die
subkortikalen Strukturen (Basalganglien, limbisches System) bereits
früh in der Kindheit ausreifen, bleibt auch das implizierte Gedächtnis
für frühe Kindheitserfahrungen besonders lange erhalten.
Wie wenig wir über die Bedeutung
nutzungsabhängiger Plastizität für die Hirnentwicklung wissen, wie
rasch und wie unerwartet alte, bislang für richtig gehaltene Theorien
ins Wanken geraten sind, machen neuere Untersuchungen über die mit
bildgebenden Verfahren nachweisbaren entwicklungsabhängigen
strukturellen Veränderungen des menschlichen Gehirns deutlich. Bei
Kindern von 3 – 6 Jahren kommt es insbesondere in den frontocortikalen
Hirnbereichen, die die Planung und Organisation von Handlungen sowie
die Konzentrationsfähigkeit auf bestimmte Aufgaben steuern, zu einer
deutlichen Volumenzunahme. Bei Jugendlichen von 6 – 12 Jahren lässt
sich insbesondere eine verstärkte Ausformung und Vergrößerung in
solchen cortikalen Regionen nachweisen, die eine besondere Bedeutung
für räumliches Vorstellungsvermögen und abstraktes Denken besitzen.
Kurz vor der Pubertät kommt es dann zu einer zweiten Phase des weiteren
Ausbaus neuronaler Verschaltungen im frontalen Kortex, der erneut mit
einer messbaren Volumenzunahme einhergeht. Eine weitere
Umstrukturierungsphase beginnt nach der Pubertät. Was während dieser
Phase geschieht, wird wesentlich von der Regel „use it, or lose it“
bestimmt (Gidd et al., 1999, Witelson, 1999, Sowell et al. 1999 a, b).
Das alles heißt, dass nicht nur
die frühe Kindheit, sondern die gesamte Jugendphase eine entscheidende
Entwicklungsphase darstellt, in der das Gehirn durch die Art seiner
Nutzung gewissermaßen „programmiert“ wird. Das Ausmaß und die Art der
Vernetzung neuronaler Verschaltungen insbesondere im frontalen Kortex
hängt also ganz entscheidend davon ab, womit sich Kinder und
Jugendliche besonders intensiv beschäftigen, zu welcher Art der
Benutzung ihres Gehirns sie im Verlauf des Erziehungs- und
Sozialisationsprozesses angeregt werden. Konsequenterweise muss dann
zumindest dieser Bereich des menschlichen Gehirns als soziales Produkt
angesehen werden (vgl. Eisenberg (?).
Diese hochkomplexen
Verschaltungsmuster innerhalb des Frontalhirns, wie auch zwischen dem
Frontalhirn und den anderen Bereichen der Hirnrinde und den
tieferliegenden, sog. subkortikalen Netzwerken können nur dann
ausgebildet werden, wenn Kinder bereits im Säuglingsalter vielfältige
Gelegenheiten geboten bekommen, sich selbst und ihre Wirkungen auf
andere Menschen wahrzunehmen. Die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung
erwirbt ein Säugling zunächst durch passives Bewegtwerden, wie
Schaukeln und Wiegen über die damit verbundene Stimulation seines
Gleichgewichtsinnes. Bereits hier werden die ersten prägenden
Erfahrungen über die Verlässlichkeit der Beziehung zu den Eltern
gemacht. Im Schutz des daraus resultierenden Sicherheitsgefühls kann
das Kind im weiteren Verlauf seiner Entwicklung immer mehr passive
Anteile in eigene Aktivitäten umwandeln: Kriechen, Krabbeln, Sitzen,
Stehen, Laufen, Klettern, Springen, Balancieren, sind Stationen dieser
Entwicklung, die sich in ähnlicher Weise auch in anderen Bereichen
(Fühlen, Sehen, Hören) vollzieht. Sie geht einher mit einer
fortschreitenden Lösung der ursprünglichen Abhängigkeit des Kindes von
seinen primären Bezugspersonen. Voraussetzung für diese Entwicklung
sind sichere emotionale Beziehungen, die es dem Kind ermöglichen, sich
immer weiter in eigene, selbst erkundete und selbst gestaltete Bereiche
vorzuwagen.
Von 3 – 6 Jahren erbringen die
Kinder eine ganz besondere Entwicklungsleistung. Als Dreijährige, bei
Eintritt in den Kindergarten, arbeiten sie intensiv an der Entwicklung
ihres Ichbewusstseins. Sie lernen gerade, dass sie etwas anderes sind
als die anderen.
Zwei- bis Vierjährige entdecken,
dass sie wollen können, und dass sie etwas anderes wollen können, als
ihre Eltern oder ihre Betreuer. Nicht umsonst wird das Alter
„Trotzalter“ genannt. Häufig demonstriert das Kind seinen neu
entdeckten Willen mit dem ganzen Körper und seiner vollen Stimmkraft.
Es ist anstrengend, ein Kind in diesem Alter zu erziehen. Man muss
ständig abwägen zwischen den vernünftigen Verboten, die ein Kind vor
Verletzungen, auch vor der Verfestigung eines hemmungslosen Egoismus
schützen, und dem notwendigen Freiraum zur Selbstbestimmung. Aber diese
Kinder sind für Verhaltensalternativen auch besonders offen. Sie
verstehen, dass Eltern ihnen bestimmtes Verhalten erlauben, anderes
verbieten, ohne dass sie es selbst wählen können. Eltern kostet diese
Phase der Erziehung umso mehr Kraft und Zeit, je weniger sie ihr Kind
verwahrlosen lassen oder mit Gewalt unterwerfen wollen. Ein Kind
liebevoll zu motivieren, sich immer neuen Anforderungen zu stellen und
ihm auch immer wieder neue Aufgaben zu geben, an denen es sich
entwickeln kann, das stellt höchste emotionale und intellektuelle
Anforderungen an die Erziehenden. Kindererziehung kann nicht als Neben-
oder Feierabendbeschäftigung erfolgreich gelingen.
Verwöhnung, oder treffender
Wohlstandsverwahrlosung führt zu einer defizitären Ausbildung von
inneren Instanzen. Kinder bleiben dann oft auf der kleinkindlichen
Entwicklungsstufe stehen, weil ihnen nie Verzicht auf bedingungslose
Zuwendung zugemutet wurde. Wenn die Eltern alle Probleme beiseite
räumen, hindern sie ihre Kinder daran, die Erfahrung machen zu können,
dass es möglich ist, Probleme mit Hilfe anderer (der Eltern) zu lösen.
Kinder, denen diese wichtige Erfahrung vorenthalten wird, richten sich
nur nach ihren eigenen Wünschen, Vorstellungen und Bedürfnissen. Sie
bleiben selbstbezogen, trotzig, tyrannisch. Zur Bewältigung der
altersentsprechenden Aufgaben fehlen ihnen wichtige Ichfunktionen wie
Interesse und Aufmerksamkeit an der Lösung solcher Aufgaben. Ihr Ich
ist zu dünnhäutig, überempfindsam und zu reizoffen. Zum Teil noch in
kindlichen Omnipotenzphantasien und magischen Projektionen verhaftet
sind diese Kinder aber in Kindergarten und Schule gezwungen, auf ein
bestimmte Weise zu denken und zu handeln. Obwohl das Verhalten dieser
Kinder äußerlich entwicklungsgerecht erscheinen kann, sind sie in ihrer
emotionalen und sozialen Entwicklung auf der Stufe eines Kleinkindes
stehen geblieben.
In fataler Weise unterstützt wird
diese Entwicklung durch alle Bestätigungen und Beschaffungen, die
Kinder daran hindern, mit anderen Menschen in eine aktiver Interaktion
zu treten, ihre bisher erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu
erproben und weiterzuentwickeln. Kinder, die täglich viele Stunden
gleichsam wie angeschnallt allein vor einem Fernsehgerät zubringen,
sind zur Passivität verurteilt. Sie werden mit bunten Bildern,
Handlungsfetzen, Aktionsbruchstücken und ständig neuen emotional
erregenden Eindrücken und angstauslösenden Vorstellungen vollgefüllt.
Auf ihre Fragen bekommen sie keine Antworten, ihre Vorschläge hört
niemand, sie können nichts ändern, nichts verhindern und auch nicht
helfend eingreifen. Was in ihnen zurückbleibt, ist die Erfahrung, dass
es auf ihr eigenes Denken und Handeln nicht ankommt, dass ihre
selbständige Suche nach Lösungen nutzlos ist, dass das Geschen abläuft,
ohne dass sie selbst darauf Einfluss nehmen können. Solche Kinder
können nur schwer das Gefühl eigener Handlungskompetenz, eigener
Gestaltungsfähigkeit und eigener Bedeutsamkeit entwickeln. Sie werden
allzu leicht zu Konsumenten, die nur noch „Haben“ und „Nehmen“ können.
Weil sie keine Gelegenheit hatten, sich selbst einzubringen, fehlt
ihnen die Erfahrung für das, was „Geben“ bedeutet. Sie sind und bleiben
damit allein und schutzlos ihren Ängsten ausgeliefert.
Unsicherheit und Angst stören die
Integration und Organisation komplexer Wahrnehmungen und
Reaktionsmuster. Sie zwingen das Kind zu raschen, eindeutigen
Entscheidungen und damit zum Rückgriff auf ältere, bereits gebahnte
Bewältigungsstrategien. Was unter diesen Bedingungen nicht stattfindet
und auch nicht gelingen kann, ist eine über die bereits vorhandenen
Möglichkeiten hinausgehende Fortentwicklung der eigenen Fähigkeit zur
Integration, Bewertung und Filterung komplexer Wahrnehmungen. Ihre
Wahrnehmungen können Kinder nur dann integrieren, wenn diese in einem
zusammenhängenden Kontext erlebt werden, wenn sie an bereits
vorhandenen Erfahrungen anknüpfen und zeitlich in ein „Vorher“ und
„Nachher“ geordnet sind. Einen Zustand, bei dem alle Wahrnehmungen
gleichzeitig und ungeordnet auf einen Menschen hereinprasseln, ist
selbst für Erwachsene unerträglich, für Kinder erst recht. Er macht
Angst und setzt gewissermaßen all das außer Kraft, was normalerweise
vom Frontalhirn geleistet werden muss, aber angesichts des dort
herrschenden Durcheinanders nicht geleistet werden kann.
Selbst Erwachsene reagieren unter
solchen Bedingungen „kopflos“, beginnen hektisch umherzurennen oder gar
sinnlos mit dem Bein zu wippen, können sich auf nichts mehr richtig
konzentrieren, wissen nicht, womit sie eigentlich anfangen sollen,
werden immer unzufriedener, bis sie sich womöglich gar in einem
impulsiven Wutausbruch entladen. Und Kindern geht es mit ihrem noch
sehr beschränkten Repertoire an eigenen Möglichkeiten erst recht so.
Vor allem dann, wenn keiner da ist, der ihnen hilft. Die Folgen dieser
Überlastung bzw. des mangelnden Reizschutzes unterscheiden sich
allerdings dramatisch zwischen Kindern und Erwachsenen. Wenn ein
Erwachsener seine komplexen Verschaltungen zur adäquaten Lösung von
Problemen eine zeitlang wegen Überlastung, Angst und Stress nicht
benutzen kann, so bleiben sie ihm doch immerhin erhalten, und er kann
später, wenn das Trommelfeuer vorbei ist, wieder darauf zurückgreifen.
Ein Kind muss diese Verschaltungen jedoch erst entwickeln. Aber es kann
sie nur dann in seinem Frontalhirn ausbilden, festigen und bahnen, wenn
ihm auch die Möglichkeit geboten wird, diese komplexen Verschaltungen
erfolgreich zur Lösung seiner Probleme und zur Bewältigung neuer
Anforderungen zu nutzen. Dazu braucht jedes Kind - je kleiner es ist,
um so mehr - Reizschutz (in Form sicherer emotionaler Beziehungen) und
Orientierungshilfen (in Form kompetenter, Orientierung bietender
Erzieher und Erziehungshilfen, z.B. in Form von Ritualen, Geschichten,
Märchen und Spielen). Findet ein solches Kind auch später niemanden,
der ihm hilft, dieses Defizit zu überwinden, wird es sich auch dann,
wenn es erwachsen geworden ist, nicht anders gegen Überlastung, Angst
und Stress wehren können, als durch sinnlose Hektik, sprunghafte
Aufmerksamkeitswechsel und gelegentliche Wutausbrüche.
„Das Zeitalter der Angst ist
angebrochen“, so interpretiert Jean M. Tenge (2001) die Ergebnisse
ihrer Metaanalyse zum Thema Angst. Ihre Untersuchung umfasste 296
Studien des Zeitraums 1952 bis 1993, in denen die Angstzustände und
neurotischen Störungen von 12.056 Schulkindern und 40.192 Studenten
erhoben worden waren. Die Zunahme der Nennung von Angstzuständen stieg
seit den 50er Jahren sowohl bei Kindern als auch Studenten linear an.
Die ausgewählten Studien erhoben das Ausmaß an Angst in der
Grundstimmung der befragten Kinder mit Hilfe der Children´s Manifest
Anxiety Scale (CMAS). Aus Twenges Studien-Vergleich geht hervor, dass
die durchschnittlichen CMAS-Werte 1954 15,08 betrugen und 1988 bereits
24,33 – ein Anstieg um 62 Prozent. Eine 1957 durchgeführte Untersuchung
an Kindern, die sich in psychiatrischer Behandlung befanden, weist
einen durchschnittlichen CMAS-Wert von 20,82 aus. Der durchschnittliche
CMAS-Wert von „normalen“ Kindern, die zwischen 1980 und 1988 untersucht
wurden, lag bei 23,26. „Gesunde Kinder der 80er Jahre verspürten also
deutlich mehr Angst als solche, die sich in den 50er Jahren in der
Psychiatrie befanden. Generell hat die alltägliche Präsenz von
Bedrohungen seit den 50er Jahren stark zugenommen. Gewalt, Terrorismus,
Kriegsgefahr, atomare Bedrohung, Umweltzerstörung, neue Krankheiten wie
AIDS sind täglich in den Medien. Das geht an den Kindern nicht spurlos
vorüber. Der zweite Risikofaktor ist ein zunehmender Trend zur
Individualisierung. Die stetig zunehmende Autonomie des Einzelnen
ermöglicht zwar größere Freiheiten, sie birgt aber auch die Gefahr der
Isolation und Einsamkeit. Das macht Angst. Den Studien ist zu
entnehmen, dass auch das Misstrauen gegenüber anderen Menschen im
Untersuchungszeitraum deutlich gestiegen ist“.
Angst und Stress, ständige
Reizüberflutung, mangelnder Selbstschutz, unsichere emotionale
Bindungen, Über- wie auch Unterforderung sind nur einige der Gründe,
die Kinder daran hindern können, hinreichend komplexe neuronale
Vernetzungen in ihrem Frontalhirn auszubilden. Als Kleinkinder können
sie nicht richtig spielen. Sie sind dauernd in Bewegung, leicht
ablenkbar, und finden nur schwer eine konstruktive Beziehung zu anderen
Kindern. Oft sind sie sich keiner Grenzen und Gefahren bewusst. Sie
platzen mit Antworten heraus, ohne das Ende einer Frage abzuwarten und
unterbrechen andere ohne Hemmungen. Unfähig, sich längere Zeit auf eine
gestellte Aufgabe zu konzentrieren, kommt es spätestens mit der
Einschulung zu gravierenden Problemen.
Diese Defizite treten oft erst
dann zutage, wenn die Anforderungen gesteigert werden, wenn Menge und
Komplexität der zu verarbeitenden Information anwächst, wenn
Geschwindigkeit, Ausdauer und Gründlichkeit gefordert werden. Lässt man
die Kinder nach ihrem Tempo arbeiten, wird Hilfestellung gegeben, mehr
Unterstützung gewährt, so mindern sich die Auswirkungen dieser Störung.
Verschiedene Studien weisen darauf
hin, dass der Anteil von Kindern mit problemanzeigenden Verhaltens- und
Lernstörungen im Grundschulalter allgemein so ungefähr im Bereich von
ca. 20 – 30% liegen dürfte; bei ca. 5% aller Kinder sind die Störungen
so schwerwiegend, dass sie einer psychiatrischen Behandlung bedürfen
(vgl. z.B. Bürgin 1984, Haffner et al. 1998, Remschmidt 1992, Specht
1992, Steinhausen 1996).
Lehrer mit langjähriger
Schulerfahrung berichten, dass die Schüler in den letzten Jahren
allgemein unruhiger und nervöser geworden sind. Die Gründe dafür sind
komplex. Einig sind sich die Fachleute, dass der zunehmende
Medienkonsum (Fernsehen, Video, Computergames, Musik) die Kinder
unruhig macht. Der Inhalt dieser Medienprodukte ist oft destruktiv oder
wenig sinnvoll. Ein weiterer Faktor, der zur Unruhe vieler Kinder
beiträgt, sind die „modernen“ Unterrichtsformen. Bei „offenem“
Unterricht ohne klare Führung werden problemanzeigende Kinder besonders
anfällig für störende Verhaltensweisen, während dieselben Kinder bei
„konventionellen“ Lehrern, die gut strukturiert unterrichten und klar
anleiten, oft ruhiger und konzentrierter arbeiten können. Die Tatsache,
dass mehr Knaben als Mädchen extrovertierte Verhaltensstörungen
entwickeln, scheint u.a. auch mit der gegenwärtigen Rolle der Väter
zusammenzuhängen. Viele Väter sind unfähig, ihren Söhnen brauchbare
Orientierungen und Entwicklungsperspektiven zu bieten und vorleben zu
können.
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