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(Leseprobe mit freundlicher Genehmigung der Autoren)
Taschenbuch - 120 Seiten - Walter
Vlg., Düsseld.
ISBN: 3530401315
Auswege aus der Krise
Noch vor wenigen Jahren wäre es
unvorstellbar gewesen, dass sich ein Hirnforscher und ein
Psychotherapeut gemeinsam auf den Weg machen und ihr in
unterschiedlichen Bereichen gesammeltes Wissen zusammenführen, um
daraus ein Bild zu entwerfen, das die frühe Entstehungsgeschichte einer
Verhaltensstörung nachzeichnet, die möglichen Ursachen dieser Störung
und ihre weiteren Auswirkungen auf die Hirnentwicklung beleuchtet und
aus dem sich schließlich sogar ableiten lässt, was zu tun wäre, um
derartige Fehlentwicklungen zu vermeiden oder durch geeignete
therapeutische Maßnahmen zu korrigieren.
Das ist also die erste und
vielleicht wichtigste neue Botschaft vom Zappelphilipp: Dieses
Störungsbild ist so komplex, dass es sich nur dann umfassend verstehen
und optimal behandeln lässt, wenn das Wissen und die Erfahrungen
möglichst vieler und möglicht unterschiedlicher Experten aus Theorie
und Praxis einbezogen und berücksichtig werden. Wie jede Erkrankung ist
auch das, was wir gegenwärtig als „ADHS“ bezeichnen im Grunde so etwas
wie ein Spiegel, der uns vorgehalten wird und der uns zwingt, uns und
damit die für die Entstehung dieser Erkrankung verantwortlichen
Ursachen und Fehlentwicklungen zu erkennen. Manche Ursachen haben wir
benannt. Sie reichen von einer ungünstig verlaufenen Schwangerschaft
über einen problematischen Geburtsprozess bis hin zu frühen
Bindungsstörungen und entsprechenden Fehlentwicklungen des Erziehungs-
und Sozialisationsprozesses. Andere Ursachen sind nur am Rande erwähnt,
etwa Stoffwechselwechselstörungen, Allergien, Fehlernährungen,
Nahrungsmittelunverträglichkeiten und nicht zuletzt all die möglichen
Auswirkungen all der vielen Nahrungsmittelzusätze, Umweltgifte und
sonstigen Chemikalien die eine Belastung für Kinder darstellen und ihre
gesunde Entwicklung u.U. gefährden können.
Es mag noch viele andere Gründe
geben, die eine normale Entwicklung von Kindern beeinträchtigen. All
das, was wir bei der Arbeit an diesem Buch zusammengetragen haben
bestärkt uns in der Vorstellung, dass die frühe Kindheit eine
außerordentlich komplizierte und deshalb auch enorm störanfällige
Entwicklungsphase darstellt. Das empfindlichste Organ, in dem während
dieser Phase die wichtigsten und schwierigsten Reifungsprozesse
ablaufen ist das Gehirn. Es ist daher häufiger als irgendein anderes
Organ von all dem betroffen, was den normalen Entwicklungsprozess eines
Kindes stören kann. Innerhalb des Gehirns wiederum entwickeln sich die
komplexesten Verschaltungen im frontalen Kortex, also im Stirnlappen.
Sie sind am wenigsten durch irgendwelche genetischen Programme
festgelegt und daher am stärksten durch die jeweiligen Gegebenheiten
und die konkreten Nutzungsbedingungen beeinflussbar. Wenn es also aus
irgendeinem Grund zu einer Störung der Hirnentwicklung kommt, so ist
damit zu rechen, dass die im Frontallappen ausreifenden Verschaltungen
am stärksten davon betroffen sind. All das, was dort eigentlich
angelegt werden könnte, so lautet die zweite wichtige Neuigkeit vom
Zappelphilipp, kann nur dürftiger, unzulänglicher, primitiver
ausgebildet werden, wenn die Bedingungen für die Herausformung und
Festigung komplexer Verschaltungsmuster in diesem Hirnbereich aus
irgendeinem Grund ungünstig sind. Was im einzelnen für die überstarke
Unruhe, die erhöhte Reizbarkeit oder die generelle Überempfindlichkeit
eines Kleinkindes verantwortlich sein mag, sei dahingestellt. Ein
ungünstiger Schwangerschaftsverlauf, eine schwierige Geburt, eine
Nahrungsmittelunverträglichkeit, ein zu stark (oder auch zu schwach)
entwickeltes dopaminerges System, mangelnde elterliche Fürsorge, ein
schwieriges Familienklima, all das und noch vieles mehr kann - vor
allem dann, wenn Verschiedenes zusammenwirkt – dazu führen, dass der
komplizierteste und störanfälligste Prozess der frühen Kindheit,
nämlich die Ausreifung komplexer Verschaltungen im Frontalhirn, nur
mangelhaft gelingt.
Wenn diese Störungsquellen
frühzeitig erkannt und abgestellt werden, kann sich der weitere
Entwicklungsprozess und damit das Verhalten des Kindes rasch wieder
normalisieren. Später allerdings, wenn die Ausreifung des
Frontallappens erst einmal in einer bestimmten Weise erfolgt ist, muss
auch nach der Beseitigung einer möglicherweise doch noch gefundenen
Störungsquelle damit gerechnet werden, dass sich eine Korrektur der
inzwischen entstandenen und das Verhalten des Kindes bestimmenden
Verschaltungsmuster nur durch einen langwierigen und schwierigen
Umstrukturierungsprozess erreichen lässt. Hierbei brauchen Eltern
kompetente Unterstützung. Durch eine psychotherapeutische Behandlung
des Kindes unter Einbeziehung der Familie können die für diesen
Umstrukturierungsprozess erforderlichen neuen Nutzungsbedingungen am
wirksamsten erreicht und umgesetzt werden.
Immer wieder sind wir davon
überrascht, das so viele, von uns selbst ausgelöste Veränderungen
unserer eigenen Lebenswelt und damit auch der Entwicklungsbedingungen
unserer Kinder so schleichend vonstatten gehen, dass sie meist über
längere Zeit weitgehend unbemerkt bleiben. Dass sich etwas
Entscheidendes verändert hat, bemerken wir oftmals erst dann, wenn das
Kind schließlich „in den Brunnen gefallen“ ist, den wir so ganz
allmählich immer tiefer gegraben haben. Ein einfaches Beispiel mag das
beleuchten: In letzter Zeit mehren sich Hinweise, dass es Kinder gibt,
die mit einem nur unzureichend ausgereiften Gleichgewichtssinn zur Welt
kommen. Sie empfinden das gut gemeinte Schaukeln und Wiegen in den
Armen der Mutter als Bedrohung und reagieren mit Angst. All zu leicht
entsteht daraus eine frühe Bindungsstörung, die später u.U. in eine
ADHS-Symptomatik mündet. Man braucht wenig Fantasie, um sich
vorzustellen, dass die Ausreifung der für den Gleichgewichtssinn
zuständigen Nervenzellverschaltungen im Gehirn des ungeborenen Kindes
nur dann optimal gelingen kann, wenn diese Verbindungen auch
hinreichend oft stimuliert werden. Dazu müsste sich die werdende Mutter
allerdings möglichst viel bewegen. Leider gelingt das vielen
Schwangeren in der Gesellschaft anderer Menschen, die inzwischen immer
mehr Zeit sitzend und fahrend verbringen, nur noch selten.
Dieses Beispiel weist auf den
dritten neuen Aspekt hin, den wir hier anhand des
Zappelphilipp-Syndroms zu beleuchten versucht haben. Jeder, der sich
ernsthaft auf die Suche nach den Ursachen einer Fehlentwicklung macht,
muss diesen Weg auch konsequent bis zu seinen Anfängen hin verfolgen.
Ansonsten läuft man all zu leicht Gefahr, die Folgen einer
Fehlentwicklung mit deren Ursachen zu verwechseln. Dann muss man
zwangsläufig ein unzureichend ausgebildetes Gleichgewichtssystem oder
ein falsch entwickeltes dopaminerges System oder einen schlecht
funktionierenden Frontallappen oder einen fehlgeschlagenen Erziehungs-
und Sozialisationsprozess oder eine frühe Bindungsstörung für die
Entstehung des betreffenden Störungsbildes verantwortlich machen. Und
dann verabreicht man eben dem dopaminergen System ein Medikament, der
Frontallappen bekommt eine Verhaltenstherapie, den Lehrern und
Erziehern zeigt man die rote Karte und die Eltern steckt man in ein
Büßerhemd und lässt sie mit einem möglichst schlechten Gewissen
herumlaufen.
Was man damit nicht erreicht und
wohl auch nicht erreichen will, ist die eigentlich zwingend notwendige
Veränderung der Verhältnisse, unter denen unsere Kinder heutzutage
aufwachsen müssen. Überall dort, wo Erwachsene die Anhäufung
materieller Güter, das eigene Wohlergehen und die individuelle
Bedürfnisbefriedigung zur wichtigsten Richtschnur ihrer
Lebensgestaltung zu machen beginnen, kann sich irgendwann nur noch das
entfalten, was durch Konkurrenz, Erfolgsdruck und Neid und Habgier
hervorgebracht wird. Alles andere verkümmert. Auch Kinder.
Es gibt nur zwei Wege die man
einschlagen kann, um einen Ausweg aus einer sich zuspitzenden
problematischen Situation zu finden: einen bequemen und einen
unbequemen. Der bequeme ist der, den wir normalerweise immer wieder
zuerst ausprobieren. Es ist der Weg, auf dem man einfach immer so
weiterzugehen versucht wie bisher. Dieser Weg wird dann automatisch mit
der Zeit immer beschwerlicher, bis man irgendwann in dem immer dichter
werdenden Gestrüpp all der vielen Probleme stecken bleibt, die man sich
mit seiner eigenen Engstirnigkeit selbst geschaffen hat. Erst dann,
wenn es so wie bisher nicht mehr weitergeht, kann jemand, der diesen
Weg gewählt hat, auch zu der Einsicht gelangen, dass er mit dem
bisherigen Konzept endgültig gescheitert ist. Sich auf diese Weise
selbst in Frage zu stellen, ist nicht nur recht schmerzvoll, sondern
auch sehr gefährlich.
Der zweite Weg beginnt dort, wo
der erste, zunächst so bequem erscheinende Weg so leidvoll endet: Bei
der Fähigkeit, sich selbst und damit die Richtigkeit einmal gefundener
Erklärungen und einmal eingeschlagener Lösungsstrategien immer wieder
neu in Frage zu stellen. Diesen anderen, mühsamen Weg geht niemand
freiwillig, der sich nicht dazu verpflichtet fühlt. Er lässt sich auch
nur beschreiten, indem man seine Haltungen und seine Einstellungen
gegenüber sich selbst und all dem, was einen umgibt, immer wieder
überprüft.
Unsere einmal entstandenen
Haltungen und Einstellungen sind uns meist ebenso wenig bewusst wie die
Macht, mit der sie uns zu einer ganz bestimmten Art der Benutzung
unseres Gehirns zwingen. Unachtsamkeit beispielsweise ist eine Haltung,
die auch aus neurobiologischer Sicht nicht „viel Hirn“ beansprucht. Wem
es gelingt, künftig etwas achtsamer zu sein, der wird automatisch bei
allem, was er fortan wahrnimmt, was er in seinem Gehirn mit diesen
Wahrnehmungen verbindet (aktiviert) und was er bei seinen
Entscheidungen berücksichtigt, mehr “Hirn” benutzen als jemand, der
weiterhin oberflächlich oder unachtsam mit sich selbst und mit all dem,
was ihn umgibt, umgeht. Achtsamkeit ist daher eine ganz wesentliche
Voraussetzung für eine andere, vorausschauendere Art der Benutzung
unseres Gehirns.
Was sich durch Achtsamkeit auf der
Ebene der Wahrnehmung und Verarbeitung an grundsätzlichen Erweiterungen
der Nutzung des Gehirns erreichen lässt, kann auf der Ebene der für
unsere Entscheidungen und für unser Handeln verantwortlichen neuronalen
Verschaltungen durch eine Haltung erreicht werden, die wir Behutsamkeit
nennen. Mit mangelnder Behutsamkeit, lässt sich ein bestimmtes Ergebnis
vielleicht besonders rasch erreichen. Komplexe Verschaltungen braucht
man, benutzt man und festigt man mit dieser Haltung jedoch nicht.
Beginnt man erst einmal darüber
nachzudenken, welche Grundhaltungen man sich wohl zu eigen machen
müsste, um sein Gehirn fortan umfassender, komplexer und vernetzter zu
benutzen als bisher, so kommen einem noch eine ganze Reihe von
Begriffen in den Sinn, die allesamt fast schon aus unserem
gegenwärtigen Sprachgebrauch verschwunden sind: Sinnhaftigkeit,
Aufrichtigkeit, Bescheidenheit, Umsichtigkeit, Wahrhaftigkeit,
Verläßlichkeit, Verbindlichkeit .... all das sind Grundhaltungen, die
Menschen bereits zu einer Zeit erstrebenswert erschienen, als es noch
gar keine Hirnforscher gab, geschweige denn all die komplizierten
bildgebenden Verfahren wie die computergestützte
Positronen-Emissions-Tomographie, mit deren Hilfe wir heutzutage in das
Gehirn eines achtsamen oder eines unachtsamen Menschen hineinschauen
können, um den Unterschied bei der Benutzung beider Gehirne deutlich zu
machen.
Aus sich selbst heraus kann ein
Mensch diese Haltungen ebenso wenig entwickeln wie die Fähigkeit, sich
in einer bestimmten Sprache auszudrücken. Er braucht dazu andere
Menschen, die diese Haltungen zum Ausdruck bringen. Und, was noch viel
wichtiger ist, er muss mit diesen Menschen in einer engen emotionalen
Beziehung stehen. Sie müssen ihm wichtig sein, und zwar so, wie sie
sind, mit allem, was sie können und wissen, auch mit dem, was sie nicht
wissen und nicht können. Er muss sie mögen, nicht weil sie besonders
hübsch, besonders schlau oder besonders reich sind, sondern weil sie so
sind, wie sie sind. Kinder können einen anderen Menschen so offen, so
vorbehaltlos und so um seiner selbst Willen lieben. Sie übernehmen
deshalb auch die Haltungen und die Sprache der Menschen, die sie
lieben, am leichtesten. Und manchmal gelingt es auch noch Erwachsenen,
einander so vorbehalt- und selbstlos zu begegnen, als wären sie Kinder.
Liebe erzeugt ein Gefühl von Verbundenheit, das über denjenigen
hinausreicht, den man liebt. Es ist ein Gefühl, das sich immer weiter
ausbreitet, bis es schließlich alles umfasst, was einen selbst und vor
allem diejenigen Menschen, die man liebt, in die Welt gebracht hat und
in dieser Welt hält. Wer so vorbehaltlos liebt, fühlt sich mit allem
verbunden, und dem ist alles wichtig, was ihn umgibt. Er liebt das
Leben und freut sich an der Vielfalt und Buntheit dieser Welt. Er
genießt die Schönheit einer Wiese im Morgentau ebenso wie ein Gedicht,
in dem sie beschrieben oder ein Lied, in dem sie besungen wird. Er
empfindet eine tiefe Ehrfurcht vor allem, was lebt und Leben
hervorbringt, und er ist betroffen, wenn es an seiner Entfaltung
gehindert wird. Er ist neugierig auf das, was es in dieser Welt zu
entdecken gibt, aber er käme nie auf die Idee, sie aus reiner
Wißbegierde zu zerlegen. Er ist dankbar für das, was ihm von der Natur
geschenkt wird. Er kann es annehmen, aber er will es nicht besitzen.
Das einzige, was er braucht, sind andere Menschen, mit denen er seine
Wahrnehmungen, seine Empfindungen, seine Erfahrungen und sein Wissen
teilen kann.
Solange es noch solche Menschen
gibt, gibt es auch noch Hoffnung.
Gerald Hüther
Dr. rer. nat. Dr. med. habil, ist
Professor für Neurobiologie an der Psychiatrischen Klinik der
Universität Göttingen. Zuvor, am Max-Planck-Institut für experimentelle
Medizin, hat er sich mit Hirnentwicklungsstörungen und mit der
langfristigen Modulation monoaminerger Systeme beschäftigt; als
Heisenbergstipendiat hat er ein Labor für neurobiologische
Grundlagenforschung aufgebaut.
Er ist unter anderem Mitglied in
der Gesellschaft für Biologische Psychiatrie, AGNP, ISTRY
Weitere Bücher des Autors:
- Evolution der Liebe
- Biologie der Angst (2. Auflage
1998)
- Wie aus Stress Gefühle werden
(1998)
- Bedienungsanleitung für ein
menschliches Gehirn (2001)
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