Brillenträger (Kurzgeschichte)

Harald Renner

 

"Und wie darf ich Sie anreden?" frage ich die Brille, den nächsten Studiogast in meiner wöchentlichen Hörfunkreihe.

"Vielleicht Vielmann?" schlägt der Brillenträger vor. Ich bin einverstanden, ein guter Gag.

Ich gebe der Regie hinter dem Fenster ein Zeichen.

"Herr Vielmann, Sie werden unseren Hörerinnen und Hörern nicht im Detail verraten wollen, wie Sie sich per Knopfdruck unsichtbar machen können. Tragen Sie einen Tarnanzug?"

"Nein. Das führt zu nichts. Auch die Experimente mit elektromagnetischen Wellen, mit Mikrokamera-Projektoren und mit der sphärischen Aberration haben mich nicht weiter gebracht."

"Ich verstehe. Und wieso sind Sie jetzt unsichtbar? Bis auf die Brille, meine ich?" Ich versuche, die Gestalt des Brillenträgers hinter seiner Sehhilfe zu erahnen.

"Ich verwende tragbare digitale Kameras. Sie zeichnen mein Umfeld auf und projizieren die Szenerie auf meine Kleidung. Schalte ich mich ein, werde ich zu einer Art mobiler Leinwand. Ich bin von der Umgebung nicht mehr zu unterscheiden."

"Und diese Technik wenden Sie auch im Freien an?"

"Ja, allerdings mit größerem Aufwand."

"Können Sie das näher erläutern?"

Der Brillenträger räuspert sich und lässt sich Zeit mit der Antwort.

"Die Szenerie muss korrekt auf die gesamte Oberfläche projiziert werden. Sie muss von allen Seiten stimmig wirken, nicht nur von vorne. Der aus geradem Winkel unsichtbare Mensch würde sonst aus anderen Richtungen zu erkennen sein."

"Und das funktioniert?" frage ich den Brillenträger. Schweigen.

"Möchten Sie nicht darüber sprechen? Dann überspringen wir die Frage."

"Schon gut", erwidert der Brillenträger, "die Fakten sind ohnehin bekannt. Ja, das System funktioniert mit Hilfe der effizienten Erfassung eines hoch auflösenden 360-Grad-Bildes der Umgebung, während ich mich bewege. Dazu trage ich in meinem Rucksack einen ebenso leistungsfähigen wie handlichen Computer."

"Aha. Wie lange arbeiten Sie schon mit dieser Technik?"

"Seit zwei Jahren. Wie Sie sehen, mit Erfolg."

"Gestatten Sie eine kleine Unterbrechung, Herr Vielmann?", frage ich den Brillenträger. "Gerade bekomme ich eine aktuelle Meldung aus der Regie. Seit Beginn der Sendung steht unser Telefon nicht mehr still. Die Anrufer wollen wissen, was das Ganze kostet und ob sich ein Normalverdiener diese Ausrüstung auch anschaffen kann."

Der Brillenträger antwortet prompt, er ist jetzt in seinem Element.

"Ja, daran arbeite ich. Ich plane eine Verleihagentur. Vielen Menschen wäre ja schon geholfen, wenn sie sich einmal in ihrem Leben unsichtbar machen können. Dazu brauchen sie sich die teure Ausrüstung ja nicht anzuschaffen. Sie können sie mieten, zu einem erschwinglichen Preis. Das ist mein Ziel."

"Die meisten Telefonate handeln davon, was man mit Ihrer Tarnausrüstung alles anstellen könnte. Viele Anrufer, alles Männer, würden sich gerne in irgendwelche Gemächer einschleichen. Mancher will eine Bank ausrauben. Andere möchten ihrem Chef in den Hintern treten. Dann gibt es Scherzkekse, die als unsichtbarer Fahrer auf sichtbarem Rad durch die Innenstadt fahren und für Schlagzeilen sorgen wollen. Ja, und da kommt gerade eine Liste mit Hörerinnen. Sie trauen ihrem Angebeteten offenbar nur wenig. Sie brennen darauf, ihn einmal unsichtbar bei seinen Überstunden zu begleiten. Schließlich gibt es noch ein paar politisch unkorrekte Wünsche. Im Schutze dieser Tarnung will man mit den Verantwortlichen in einigen Hauptstädten offenbar Tacheles reden. Da nenne ich besser keine Namen."

Ich mache eine beziehungsvolle Pause. Den Anrufern danke ich für ihre fantasievollen Einfälle. Nun wende mich wieder dem geheimnisvollen Brillenträger zu.

"Herr Vielmann, Sie haben mir bei unserem Vorgespräch zugesagt, am Ende der Sendung für zehn Sekunden ihre Tarn-Apparate auszuschalten. Sie werden ganz kurz Ihr wahres Gesicht zeigen. Bislang kennen wir von Ihnen ja nur die Stimme und diese Brille. Die gibt es in jedem Warenhaus zu kaufen. Darf ich also sagen: topp, die Wette gilt?"

"Sie dürfen."

Es klickt. Leibhaftig sitzt er mir nun gegenüber. Er ist es, er und kein anderer. Mir sträuben sich die Nackenhaare. Ich starre den Brillenträger an, bringe keinen Ton heraus. Dann ein neuer Klick, und wieder schwebt nur die einsame Brille in Augenhöhe über dem Tisch. Ein leises Lachen ist zu hören.

"Am besten bleiben Sie ruhig sitzen, dann geschieht Ihnen nichts. Mein Fahndungsfoto ist nicht gerade schmeichelhaft, was meinen Sie? Interpol kann heute die Spur neu aufnehmen und ein paar Kontinente streichen. Sieh, das Gute liegt so nah!"

Die Brille nähert sich in sanftem Bogen der Tischplatte, wo sie liegen bleibt. Dann höre ich Schritte, die sich entfernen. Ich sehe, wie sich die Türklinke bewegt. Die Studiotüre schwingt auf und schließt sich sanft. Der Brillenträger hat uns verlassen.

Nun der Abspann. "Liebe Hörerinnen und Hörer, sicher möchten Sie wissen, wie mein Besucher tatsächlich aussieht. Ich versichere Ihnen: so, wie wir ihn vom Phantombild kennen, nicht schlecht getrroffen. Keine wirkliche Überraschung also, aber eine erfreuliche Nachricht für die Fahndung. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag und danke Ihnen für´s Zuhören. Alles wird gut."