Corrida (Kurzgeschichte)

Harald Renner

"Buenas tardes, Enrique!", begrüße ich meinen Freund. Ich klemme mich auf einen Taburete und hoffe, dass ich nicht gleich wieder hinterrücks herunterfalle. Diese spanischen Barhocker sollen zwar Leichtigkeit, Flexibilität und Einfachheit ausdrücken, doch das scheint nur für das südländische Temperament zu gelten. Ich jedenfalls bin froh, wenn ich überhaupt darauf hocken bleibe.

Um 19 Uhr bin ich noch der einzige Gast im "Las Tapas", dem angesagtesten Restaurant in Kassel. Enrique hat ein paar Minuten Zeit für uns. "Hola! Wie geht es dir?" Er strahlt mich an. "Trockener Jerez wie immer?"

Ich nicke, präsentiere stolz den ersten meiner fünf Sätze, die ich ohne nachzuschlagen beherrsche: "Que me recomienda usted para comer?"

Enrique grinst anerkennend. "Was ich dir empfehle? Dein Spanisch wird immer besser."

"Dein Lokal auch. Läuft gut?"

"Und ob. Nur noch mit Vorbestellung. Aber du bist früh dran. Werner grüßt dich, kommt gleich. Sauwetter in Deutschland, was?"

"Das kannst du laut sagen." Mein Blick wandert zu den dunkel gebeizten Pinienmöbeln und bleibt an den Aquarellen hängen, die die weiß getünchten Wände zieren. Sie zeigen meine Sehnsuchtsorte. Es sind die Buchten, die Tamariu, Llafranc und Calella heißen. Dort kommt Enrique her, dort zieht es mich hin. Das verbindet uns. Dezent gedämpfte Gitarren lassen wehmütig ihre "Recuerdos de Alhambra" ertönen.

Mein Magen knurrt und bringt mich zurück auf den Hocker. "Was hast du zu bieten?"

"Heute musst du Artischockenherzen mit Serranoschinken und unsere Blätterteig-Empanadas mit Choriza-Füllung probieren. Und dann natürlich die Datteln im Speckmantel. Queso manchego zum Schluss."

"Magnifico!" Der Appetit kommt beim Essen? Bei mir setzt er schon jetzt ein.

Der Wirt stellt den Sherry auf den Tresen, schiebt Oliven und Sardinen herüber, dazu ein Schälchen mit dünn geschnittener Paprikawurst. "Werner hat eine neue Freundin, wusstest du das? Julia. Spitzenfrau. Wirklich nichts für diesen Hochstapler. Ich kenne sie schon länger, war fast verlobt mit ihr."

"Eifersüchtig?"

Er lacht. "Ich könnte ihn erdolchen. Nicht, weil Julia mit ihm geht, sondern weil er sie verarscht. Behauptet, er wäre gerade auf Mallorca."

"Warum das denn?"

"Das Großmaul brüstet sich, er hätte bei Illetas eine klasse Finca gekauft, mit Pool und Meerblick. Hat sie damit rumgekriegt. Pst, dort kommt er."

Werner begrüßt uns fröhlich mit Handschlag und nimmt neben mir Platz. "Du hast schon bestellt? Dann nehme ich dasselbe. Bin gleich so weit."

Er holt sein Handy aus der Tasche, wählt eine Nummer.

"Hallo, Julia, grüß dich. ... Ja, ich kann dich jetzt verstehen, ist laut hier. ... In Palma, einkaufen, jetzt sitze ich in einer Taperia, jede Menge Palmen vor der Tür, Dattelpalmen, nehme ich an. ... Ja, jeden Tag über dreißig Grad, und bei euch? ... Wie aus Kübeln? Das tut mir leid. Hier ist es strahlend blau, von morgens bis abends. ... Braun werden, wer will denn heute noch braun werden? ... Alles O.K. bei dir? ... Ja, ich auch. Kann es gar nicht erwarten. Drei Tage noch. Halten wir das aus? ... Ich muss Schluss machen, mein Akku ist gleich leer. ... Ich dich auch ... Tschüss!"

Er grinst fröhlich in die Runde. Enrique bleibt ernst. "Du bist kein Caballero."

"Habe ich das behauptet?"

"Und was ist mit der Finca? Julia will die doch bestimmt sehen."

"Kann sie auch. Ein Bekannter zieht im Juli so lange aus, wie wir dort sind."

"Und warum machst du so was?"

"Hey, ist doch nur Spaß. Julia liebt Spaß. Will sie, kriegt sie. Und zwar satt."

"Und du kriegst das! Und zwar satt!" Werner zuckt zurück, als ihn eine saftige Ohrfeige trifft, hart und ohne Vorwarnung. Empört springt er auf, aber da hat Julia ihm bereits den Rücken zugekehrt und ruft ihm über die Schulter zu: "Blöder Arsch, verschwinde! Für immer!" Weg ist sie.

Fassungslos reibt sich Werner die Wange, starrt Enrique an. "Der Tipp kam von dir, oder? Julia war die ganze Zeit hier, stimmt´s? Hat mir beim Telefonieren zugeschaut. Fieser Hinterhalt!" Enrique nickt bedächtig.

Werner schäumt: "Mich siehst du nie mehr, du Heimtücker!"

"Versprochen? Dein Essen geht auf´s Haus. Du hast es verdient. Alles."

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