Kurzgeschichten
Harald Renner
Mausefalle (Kurzgeschichte)
Es war eine düstere Novembernacht, und ich war allein zu Hause. Der Hund hatte schon ein paar Mal angeschlagen, als er gegen Mitternacht endlich Ruhe gab. Ich wälzte mich noch eine Weile hin und her, hörte das alte Haus ächzen und knarren und war gerade eingeschlafen, als ich spürte, dass es ganz hell im Zimmer geworden war.
Aus schlaftrunkenen Augen blinzelte ich in ein blendendes, kreisendes Licht, das sich langsam durch das Schlafzimmer bewegte und auf Möbel und Wände huschende Schatten warf. Ein Windhauch umfächelte mein schweißnasses Gesicht. Dem Lichtkegel folgte ich aus den Augenwinkeln, ohne mich zu bewegen. Ich stellte mich schlafend. Mein Puls raste. Das Licht erlosch. Stockdunkel und totenstill war es im Raum.
Was würde als nächstes geschehen? Ein Angriff aus dem Hinterhalt? Ein Schlag, ein Hieb, ein Stich? Würgende Hände um meinen Hals? Ein Kissen auf mein Gesicht gedrückt? Heiß und stickig war es im Zimmer. Ich sog den schweren Friedhofsgeruch von feuchter Erde und modernden Blumengebinden ein. Mich fröstelte trotz der Hitze.
Mit zitternden Händen tastete ich nach dem Schalter der Nachttischlampe. Der Raum war leer, kein Lufthauch bewegte die Gardine, Türe und Fenster waren verschlossen. Ich wankte ins Badezimmer, trank in kleinen Schlucken Leitungswasser. Dann trat ich zum Fenster, zog den Rollladen hoch und blickte die regennasse Sophienstraße hinunter bis zum Gräfe-Eck. Die "Mausefalle" hatte noch geöffnet.
Ich schlüpfte in meine Kleider, strich mir über das stoppelige Kinn und wappnete mich mit Anorak und Schal gegen den Herbststurm. Draußen war es kalt. Ich preschte die Straße entlang.
Die Eckkneipe nahm mich schützend auf. Katja stand hinter dem Tresen, spülte Gläser und sprach mit dem einzigen Gast, einem dunkel gekleideten hageren, weißhaarigen Mann mit Schnauzbart und Hakennase. Er musterte mich durch seine Hornbrille und wies auf den Barhocker neben sich. "Treten Sie näher, junger Freund!", lud er mich mit melodischer Stimme ein. "Was führt Sie so spät in dieses feine Etablissement?"
Die Besitzerin der "Mausefalle" verdrehte kaum wahrnehmbar die Augen. "Hallo, Frank!", begrüßte sie mich. "Du siehst zerknautscht aus."
"Bin ich auch“, erwiderte ich. "In meinem Schlafzimmer spukt es. Jemand hat mit der Taschenlampe herumgefuchtelt, und plötzlich war er weg. Kannst du dir das vorstellen?"
"Besser nicht!", meinte Katja und strich mir über die Stirn. "Kein Fieber, dem Himmel sei Dank! Ein Bierchen?" Ich nickte, und sie stellte Flasche und Glas auf den Tresen. Den Öffner legte sie daneben und füllte Erdnüsse in ein Schälchen.
"Hast du noch eine Gulaschsuppe für mich?", fragte ich.
"Na klar!", lächelte Katja und verschwand in der Küche. Mein Nachbar nippte an seinem Tomatensaft und hob die Schultern. "Seit meiner Magen-Operation vertrage ich keinen Alkohol mehr und scharfes Essen schon gar nicht.“
Ich gab ihm die Hand und murmelte meinen Namen. Nun stellte auch er sich vor. "Dr. Helmrich. Ich bin der neue Direktor der Blutbank im Klinikum und ..."
"Da sind wir ja fast Kollegen“, unterbrach ich ihn, „ich habe Medizin studiert, danach Germanistik und Philosophie."
"Ungewöhnliche Kombination, klingt aber spannend. Womit halten Sie sich über Wasser? Sind Sie Lehrer?"
"Nein, ich übersetze Kriminalromane."
Dr. Helmrich schien beeindruckt zu sein. "Wirklich? Sie sind Literat? Bekannte Bücher dabei?"
"Alles von Stephen King“, scherzte ich.
Der Alte sah mich skeptisch an. "Jetzt nehmen Sie mich auf den Arm, nicht wahr?"
Ich lächelte und schwieg. Lange musterte mich der Arzt, strich sich dabei über den Schnurrbart, dann nickte er. "Ich glaube Ihnen." Aus der Küche drang der Suppenduft herüber. Ich hörte Katja mit dem Geschirr hantieren.
"Sie sind also der kleine Scheißer, der sich über mich lustig macht?", setzte mein Nachbar das Gespräch ruhig fort. Ich glaubte mich verhört zu haben.
"Wie bitte?", fragte ich verblüfft und erhob mich. Ich wollte dem Fremden entrinnen und mit Katja in der Küche plaudern. Doch der Direktor der Blutbank packte unvermittelt meinen rechten Oberarm, schloss die Hand zu einem Zangengriff und zwang mich auf den Hocker zurück.
"Sitzen geblieben!", bellte er.
Ich starrte auf die sehnigen Finger, die sich um meinen Arm krampften. "Was machen Sie da? Lassen Sie mich los, sofort!" Ich versuchte die Hand abzuschütteln.
Er ließ nicht locker. "Ich will jetzt die verdammte Wahrheit wissen: Haben Sie ´Salem´ übersetzt?"
"Welches ´Salem´?"
"Das Buch ´Brennen muss Salem´ von Stephen King. Ob Sie das übersetzt haben?"
"Nein, habe ich nicht. Das mit Stephen King war nur ein Witz. Das Buch kenne ich nicht. Lassen Sie mich los!“
Mein Versuch, die Situation zu entspannen, schien ihn nur noch mehr zu provozieren. "Sie lügen mich also an? Die ganze Zeit?" Der unheimliche Gast krallte sich nun auch in meinen linken Arm. "Ein Rat fürs Leben, mein Freund, merken Sie ihn sich gut!", flüsterte er. "Spielen Sie kein dreckiges Spiel mit mir!"
Niemals hätte ich diesem schmächtigen Mann eine solche Kraft zugetraut. Ich versuchte mich zu befreien, vergeblich. Ich stemmte beide Hände gegen seine Brust, um ihn mir vom Leib zu halten. Aber er war stärker als ich. Unaufhaltsam zog er mich zu sich heran, bis sich unsere Nasen fast berührten. Sein fauliger Atem streifte meine Wange. Mir wurde übel.
"Katja!", schrie ich. Die Geräusche in der Küche verstummten. "Ich bin gleich so weit!", hörte ich sie rufen. Sie hatte nichts verstanden.
In diesem Augenblick wurde es stockdunkel. Hinter der Theke erstrahlte ein helles, kreisendes Licht, das sich langsam die Barhocker entlang tastete. Ich sog erdigen Friedhofsgeruch und Chrysanthemen-Duft ein. Als der Meister der Blutbank seine Zähne in meinen Hals bohrte, verlor ich das Bewusstsein.
Ich erwachte in meinem Bett, mein Herz raste. Die Straßenlaterne vor dem Haus sandte Irrlichter durch die Spalten des Rollladens, in dem sich der Sturm verfing. Undeutlich hörte ich zwei Stimmen in mir. "Du hast alles nur geträumt", tröstete die eine. "Komm!", lockte die andere, während ich erneut in tiefen Schlaf versank.





