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Am Beispiel der BSE-Krise lässt sich zeigen, dass die Art und Weise, wie eine ganze Gesellschaft auf eine gefährliche Entwicklung reagiert, sich nicht allzu sehr von den Reaktionen des Gehirns auf Bedrohungen seiner inneren Ordnung unterscheidet. In beiden Fällen wird zunächst versucht, der Gefahr durch Rückgriff auf altbewährte, gebahnte Strategien der Krisenbewältigung zu begegnen. Erst wenn diese Strategien versagen und die Gefahr weiter anwächst, kommt es zu einer zunehmenden Destabilisierung der bisherigen inneren Ordnung. Die damit einhergehenden Zerfalls- und Auflösungsprozesse schaffen die erforderlichen Voraussetzungen für eine Reorganisation derjenigen Strukturen, die das Denken und Handeln des Einzelnen wie auch einer ganzen Gesellschaft bestimmen. Ob diese Umgestaltung gelingt ist entscheidend davon abhängig, wie stark das Gefühl von Betroffenheit wird, das in einer solchen Krisensituation entsteht. Stufe 1: Verunsicherung Im Gehirn kommt es immer dann, wenn eine bedrohliche Veränderung wahrgenommen wird, zu einer unspezifischen Erregung, die sich immer stärker ausbreitet und rasch auf Bereiche übergreift, die das Gehirn und den Körper in eine erhöhte Alarmbereitschaft versetzen (Stressreaktion). Die Aufmerksamkeit wird dann auf die Störung fokussiert, es wird nach Ursachen für ihr Zustandekommen und nach Strategien zur Abwendung der von ihr ausgehenden Gefahren gesucht. Auch auf der Ebene der Gesellschaft breitet sich eine zunehmende Unruhe aus, wenn Gefahr droht. Dank der modernen Kommunikationsmittel geschieht das heute wesentlich rasanter als früher. Die durch das Auftreten von BSE ausgelöste Verunsicherung konnte sich aus mehreren Gründen ganz besonders rasch und effizient ausbreiten: * Die Erkrankung war neu, es gab keinerlei Erfahrungen mit den als Erregern ausgemachten Prionen, die Übertragungswege waren ebenso unbekannt wie das Ansteckungsrisiko. Stufe 2: Destabilisierung Lassen sich die Ursachen für die aufgetretene Störung des inneren Gleichgewichtes im Gehirn nicht erkennen oder abstellen und zeigen die eingeschlagenen Strategien zur Abwehr der Bedrohung keine Wirkung, so führt die sich immer weiter ausbreitende Erregung zu einer zunehmenden Destabilisierung der im Gehirn bereits angelegten Verschaltungen. Die Gefahr einer solchen krisenhaften Entwicklung ist dann besonders groß, wenn die Störung durch das Zusammenwirken unterschiedlicher, schwer kontrollierbarer Faktoren ausgelöst wird. Auch bei der BSE-Krise hätte keiner der o.g. Gründe allein ausgereicht, um eine derartig um sich greifende allgemeine Verunsicherung auszulösen und über längere Zeit aufrechtzuerhalten. Eine einzelne Ursache für eine Bedrohung lässt sich meist irgendwann entweder beheben oder verdrängen. Da jedoch bei der Suche nach den Ursachen für das Auftreten von BSE immer neue und zumeist noch tiefer reichende Missstände und bedrohliche Fehlentwicklungen offenbar wurden, breitete sich die Unruhe immer weiter aus und entwickelte sich zu einer ernsthaften Krise. In dem Maß, wie immer mehr Menschen die Lust auf den Genuss von Rindfleisch verging, erreichte die Krise auch den wirtschaftlichen Sektor der Gesellschaft. Spätestens dadurch wurden auch die Politiker wach- und durcheinander gerüttelt. Stufe 3: Verfestigung oder Umgestaltung Die durch eine anhaltende Bedrohung im Gehirn ausgelösten Destabilisierungsprozesse lassen sich nur selten durch den Rückgriff auf alte, bewährte Strategien der Angstbewältigung anhalten, es sei denn, die Effizienz dieser Strategien kann tatsächlich noch entscheidend verbessert werden. Das ist jedoch nur möglich, wenn die Bedrohung eindeutig und ihre Ursachen klar erkenn- und abstellbar sind. Nur dann können die zur Abwendung dieser Bedrohung genutzten Nervenzellverschaltungen intensiver benutzt, gebahnt und ausgebaut werden. Übertragen auf die BSE-Krise heißt das, dass eine grundsätzliche Änderung der bisherigen Agrarstruktur, des bisherigen Verbraucherverhaltens, der bisherigen Reaktion auf politisch-administrativer Ebene etc. um so unwahrscheinlicher wird, je besser und rascher es gelingt, die Krise auf eine bestimmte Ursache zurückzuführen (auf das Fehlverhalten einzelner Rinderzüchter oder Futtermittelhersteller oder Kontrolleure oder Politiker oder etc.) und eine bestimmte Lösung zur Bewältigung des Problems anzubieten (ein neues Medikament zur Heilung, ein neues Nachweisverfahren, ein neues Kontrollsystem etc.). Immer dann, wenn im Gehirn die Ursache für eine neuroendokrine Stressreaktion und die damit einhergehende Angst und Verunsicherung weniger eindeutig, schlechter fassbar und durch eine ganz bestimmte, gezielte Reaktion nicht abstellbar ist, hält der Destabilisierungsprozess an und kann zu einer tief greifenden Umgestaltung der bisher etablierten Nervenzellverschaltungen genutzt werden. Nur so wird eine grundsätzliche Veränderung des bisherigen Denkens, Fühlens und Handelns möglich. Die besten Voraussetzungen für ein derartige Umgestaltung sind immer dann gegeben, wenn sich ein tiefes Gefühl der Betroffenheit über die Fehler einstellt, die ein Mensch bei der bisherigen Nutzung seines Gehirns, d.h. bei seiner bisherigen Lebensgestaltung gemacht hat. Betroffenheit ist ein äußerst unangenehmes Gefühl, weil es uns selbst in Frage stellt und uns zu einer Änderung unseres bisherigen Denkens und Handelns zwingt. Es ist aber auch das einzige Gefühl, das die Bereitschaft zu einer derartigen Veränderung weckt. Jeder Mensch kann Fehler machen. Er muss sogar immer Fehler machen, um aus diesen Fehlern lernen und sich weiterentwickeln zu können. Wer alle Zweifel an der Richtigkeit seines bisherigen Denkens und Handelns beiseite schiebt, unterdrückt oder verdrängt, begeht den schwersten Bedienungsfehler, den er bei der Nutzung seines Gehirns machen kann. Er verliert die Fähigkeit, einmal entwickelte und bisher scheinbar erfolgreich eingesetzte Strategien, Verhaltensweisen und Überzeugungen zu ändern und die zugrunde liegenden Verschaltungsmuster in seinem Gehirn umzugestalten. Für die BSE-Krise heißt das: Nur wenn es gelingt, die in weiten Kreisen der Bevölkerung entstandene Angst und Aufregung in ein Gefühl tiefer Betroffenheit umzuwandeln, kann die Krise als Chance zu einer grundsätzlichen Umgestaltung der für ihre Entstehung verantwortlichen Missstände genutzt werden. Bücher des Autors zum Weiterlesen: * Biologie der Angst, Vandenhoeck und Ruprecht 1996. |
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