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Themen "Leben": |
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Wie konnte eine so giftige Pflanze nur "Engelstrompete" heißen? Julia blickte aus dem Küchenfenster und wunderte sich wieder einmal über den geheimnisvollen Namen ihres Daturastrauches vor der Haustüre mit seinen cremefarbenen, trichterförmigen Blüten. Arthur erschien und ließ sich wortlos am gedeckten Frühstückstisch nieder. Er entfaltete die Morgenzeitung und griff nach der Kaffeetasse, die Julia ihm gefüllt hatte. "Du denkst an den Arzttermin? Um elf?" "Ja, ja", antwortete er, "aber ich frage mich wirklich, was ich dort soll." "Du bist fünfzig, das ist Grund genug. Und vergiss nicht, dem Doktor von deinen Beklemmungszuständen zu erzählen. Sonst muss ich es tun." Er legte die Zeitung beiseite. "Mach dir keine Sorgen deswegen! Wir sind ja gut versichert. Du erbst die Villa und das alles." "Rede nicht so, es ist ekelhaft!" Er war schon an der Tür, ergriff die Aktentasche und winkte ihr flüchtig zu. "War nur ein Scherz. Bis heute Abend." Kurz darauf rief Tim an und fragte, ob es bei dem Trainingsflug heute Nachmittag bliebe. "Ja", sagte sie, "wenn das Wetter mitspielt." "Das wird es", versprach ihr Fluglehrer, der gerade die Vorhersage abgehört hatte. Julia lud ihn ein, vorher auf eine Tasse Kaffee bei ihr hereinzuschauen. "Nichts lieber als das", kam prompt die Zusage. Julia breitete die Zeitung, die ihr Mann achtlos zurückgelassen hatte, sorgfältig auf dem Küchentisch aus. Sie hatte von den Ästen der Engelstrompete einige große Blätter so abgerissen, dass man ihr Fehlen nicht bemerken würde. In den Emailletopf, den sie zur Hälfte mit Wasser gefüllt hatte, legte sie die Blätter und stellte die Kochplatte auf mittlere Hitze. Sie öffnete das Küchenfenster und verließ den Raum. Nach einigen Minuten kehrte sie zurück, nahm den Topf vom Herd und trug ihn behutsam zum Tisch. Aus dem Arzneischrank holte sie eine Spritze mit langer Kanüle und aus der obersten Schublade des Sideboards die Pralinen-Schachtel. Sie durchstach alle sechs Weinbrand-Pralinen mit der feinen Nadel, sog mit der Spritze den Cognac ab und füllte das Konfekt mit dem giftigen Sud aus dem Topf. Sie stellte die geöffnete Schachtel einladend auf den Couchtisch und entfernte umsichtig alle Spuren. Tim war wie immer unpünktlich, so dass zum Kaffetrinken keine Zeit mehr blieb. Sie küsste ihn auf den Mund und verschwand im Keller, um ihre Flugtasche zu holen. Als sie zurückkehrte, betrachtete sich Tim kurz im Flurspiegel, bleckte die Zähne und entdeckte die Schokoladenreste im rechten Mundwinkel. Er wischte sie mit dem Taschentuch ab. Sie drehten mit der Cessna Skyhawk einige Platzrunden, ehe sie zum Überlandflug starteten. Heute war Julia gut drauf und setzte die Maschine jedes Mal sanft und mit dem richtigen Anstellwinkel auf. "Du wirst immer besser", lobte Tim seine Schülerin, als sie sich Gießen näherten. "Du fliegst ja nur noch auf Wolke sieben." Lächelnd korrigierte sie ihn: "Beide fliegen wir auf Wolke sieben. Bald haben wir unsere eigene Speed Canard, du wirst schon sehen." "Vergiss nicht, den Lottoschein abzugeben. Schlappe siebzigtausend langen uns fürs erste." "Reiche Witwen spielen nicht im Lotto", erwiderte sie ernst, wandte sich ab und blickte aus dem linken Seitenfenster auf die sonnenbeschienenen Wiesen, den Fluss und die Autobahn, die unter ihnen vorbeizogen. Sie hatten den Stadtrand von Gießen erreicht. Julia hielt mit der linken Hand lässig den Steuergriff umfasst, die rechte suchte und fand die Hand ihres Freundes auf dem Kopilotensitz. "Liebst du mich?", fragte sie ihn. Tim stieß einen erstickten, gurgelnden Laut aus, griff sich verzweifelt an die Kehle, bäumte sich auf und sackte lautlos in sich zusammen. Sein Kopf schlug hart auf dem Instrumentenbrett auf. "Tim, was ist los?", schrie Julia entsetzt. "Tim, wach auf!" Sie schüttelte ihn verzweifelt an der Schulter. "Tim, hörst du mich? Hörst du mich?" Und nach einer Pause, fassungslos: "Du hast doch nicht von den Pralinen ... Engelstrompete ...?" Sie wandte sich abrupt von ihm ab und starrte nach vorne. "Zu tief, viel zu tief!", stieß sie entsetzt hervor. Sie versuchte, die Lahnwiesen für eine Notlandung zu erreichen, aber dann war sie noch weiter durchgesackt und hatte Mühe, die Maschine abzufangen und in normale Fluglage zurückzuführen. Aber wohin sie auch blickte: Straßen, Häuser, Fußgänger, Radfahrer, Autos. Sie konzentrierte sich nur noch auf die Sicht voraus und auf das Gefühl, das ihr Gesäß, Tastsinn und Gehör über die Fluglage vermittelten. Mit schweißnassen Händen hielt sie den Steuergriff umklammert, als könnte ihr das Halt geben in einer Welt, die aus den Fugen geriet. Am Gießener Bahnhof, der nun mit seinen Gleisen in ihr Blickfeld kam, erkannte sie ihre letzte Chance. Sie flog hart links am Bahnhofsturm vorbei und näherte sich den Gleisen. Sie zog das Höhenruder an, nahm alles Tempo aus der Maschine. Nase oben halten, noch langsamer werden vor dem Aufprall. Die Bahnschwellen rasten ihr entgegen. Als sie sie erst mit dem Hauptfahrwerk flüchtig berührte und dann mit dem Bugrad voll dagegenprallte, wurde das Flugzeug wie ein Spielball emporgeschleudert und bohrte sich dann krachend und mit berstendem Rumpf in den Schotter. Arthur war froh, dass er den Arztbesuch hinter sich hatte. Kürzer treten, war der Rat des Doktors gewesen. Stress abbauen. Viel Bewegung in frischer Luft, gesunde Ernährung. Mit dem Rauchen aufhören. Und auf das Gewicht achten, sieben Kilo mussten herunter. Also weg mit den Pralinen, dachte er und sah den Weinbrandbohnen hinterher, die er in die Mülltonne schüttete. Drei Wochen später erwachte Julia für kurze Zeit aus ihrer tiefen Bewusstlosigkeit. Die Intensivschwester rief den Stationsarzt, der sich an ihr Bett setzte. Er drückte ihre Hand, blickte auf die Monitore über ihrem Kopfende und überprüfte mit einer Stablampe ihren Pupillenreflex. "Wo bin ich, was ist passiert?", wollte sie von ihm wissen. "Ihr Flugzeug ist abgestürzt. Sie sind im Krankenhaus. Sie haben überlebt." Flüchtig nahm sie die Gitter vor den Fenstern wahr, ehe sie sich wieder in wirren Träumen verlor. Als sie das nächste Mal erwachte, stand ein kahlköpfiger, rundlicher Mann an ihrem Bett und musterte sie aufmerksam. Er stellte sich als Hauptkommissar Friedrich vor und fragte sie, wie sich fühlte. "Ganz gut, aber ich bin müde und schlapp. Und durstig." Ihr Besucher reichte ihr die Schnabeltasse, und sie trank den Tee mit gierigen Schlucken. "Ich hatte einen Unfall", sagte sie. "Ich weiß. Sie haben Glück gehabt, zumindest fürs erste." "Und Tim?" "Sie meinen Ihren Fluglehrer?" "Ja, was ist mit ihm?" Er blickte sie ruhig an und schüttelte den Kopf. "Sie wissen doch, was die Engelstrompete so alles anrichten kann, nicht wahr? Aber Ihrem Mann geht es gut. Und die Pralinen in Ihrer Mülltonne haben wir sichergestellt." Sie begriff kein Wort, noch nicht. |
Kurzgeschichten
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