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Erstes Treffen

Harald Renner

Bild Ernährung

Fröhlich winkend eilt Marco ihr auf dem Bahnsteig entgegen. Auch Kerstin beschleunigt ihre Schritte. Sie umarmt ihn wie einen guten Freund, der nach langer Fahrt heimkehrt. Er lässt die Reisetasche sinken, fasst ihr um die Taille und streicht eine Strähne des blonden Lockengewirrs aus ihrem Gesicht. Sie hat ihm die "unübersehbare Löwenmähne" als Erkennungszeichen benannt.

"Wurde Zeit, oder?" Er küsst sie zart auf die Wange. Dem weiten Ausschnitt ihres geblümten Trägerkleides schenkt er einen anerkennenden Blick, bevor er ihre fröhlichen blaugrünen Augen und ihre einladend weichen Lippen betrachtet.

"Wurde es wirklich, du Schuft", antwortet sie lachend. "Verbirgst dich monatelang hinter eMails und streichelst unverschämt meine Seele. Schluss mit dem Versteckspiel!"

Ihr Clio parkt vor dem Bahnhof. Sie verstaut sein Handgepäck auf dem Rücksitz. Minuten später erreichen sie den Feldweg, die Wiese und den baumbestandenen Bach. Der Platz ist mit Bedacht gewählt. Sie liebt den zartweißen Schleier des Wiesenschaumkrauts, wenn er sich mit dem satten Gelb der Butterblumen mischt.

Marco atmet tief ein, räkelt sich der Juni-Sonne entgegen und deutet auf den prachtvollen Schmetterling, der einer roten Kuckucksnelke entgegentaumelt.

"Ein Admiral?", fragt er sie.

Kerstin nickt. Sie mustert sein braun gebranntes Gesicht mit der hohen Stirn, den wachen, anteilnehmenden Augen und der ausdrucksvollen Hakennase. Wie ein Adler siehst du aus, denkt sie. Großmütig und verwegen.

Sie öffnet den Kofferraum, breitet die Decke im trockenen Gras aus und stellt den Korb darauf.

"Marco, du fängst an!"

Sie machen es sich auf der Decke bequem. Kerstin öffnet den Korb und entnimmt ihm zwei Becher.

"Also gut, einer muss es ja tun." Er sitzt schräg hinter ihr, sucht nach den passenden Worten.

Sie dreht sich um und sieht ihn an. "Frag mich alles, was du wissen willst." Wohlig seufzend sinkt sie nach hinten, veschränkt die Hände hinter ihrem Kopf und schließt die Augen.

"Du lebst mit einem Mann zusammen?", fragt er so beiläufig wie möglich, angelt Piccolo Frizzante und Orangensaft aus dem Korb und macht sich an den Schraubverschlüssen zu schaffen.

Sie zögert. "Ich wusste, dass du mich das fragst. Ja, es stimmt. Seit zwei Jahren. Und du?"

"So ähnlich. Oder doch anders. Je nachdem, wie man es sieht." Er füllt die Gläser und stellt sie behutsam ab.

"Anders? Je nachdem?", neckt sie ihn. "Klingt aufregend und geheimnisvoll."

Er bleibt ernst. "Kerstin, wie gut kennst du mich eigentlich? Was glaubst du?", fragt er leise.

"Besser als die meisten jedenfalls. Ich kenne deine Gedanken und deine Träume. Wir teilen unsere Ängste." Nach einer Weile fügt sie hinzu: "Und du weißt sehr viel von mir."

Sie hält die Augen geschlossen, schenkt ihm die Zeit, die er braucht.

"Und wenn du dich getäuscht hast? Wenn ich ein ganz anderer bin?"

Sie richtet sich auf und blickt ihm fest in die Augen. "Wieso getäuscht? Habe ich einen Frosch erwartet, und Rumpelstilzchen steigt aus dem Zug?"

Er lacht unsicher, ist dankbar für ihre Brücke. "Oder du hast Rumpelstilzchen erwartet, und Frau Holle steigt aus?"

Lange schweigen sie. Dann schüttelt sie den Kopf.

"Nein, dich habe ich erwartet. Du bist gekommen. So, wie du bist."

"Du weißt es also?", fragt er ungläubig nach.

"Dass auch du in festen Händen bist?" Sie lächelt. "Sag es endlich!"

Er schluckt. "Also gut, ich bin auch mit einem Mann zusammen. Sehr enttäuscht? Aus und vorbei?"

"Warum soll ich enttäuscht sein? Wir verstehen uns doch so gut. Du jubelst mit mir, teilst meinen Kummer, bist feinfühlig und empfindlich. Ein traumhafter Freund! Für guten Sex brauche ich dich nicht. Den bekomme ich anderswo."

"Und wozu brauchst du mich dann?"

"Für den Schmetterling. Für die Blüten und die Sonne und den Sommerwind. Und auch dafür ..."

Kerstin legt den Arm um seinen Nacken, zieht sein Gesicht zu sich heran und öffnet ihre Lippen. "Aber nur, wenn du magst."

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