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Leseprobe mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Das gleichnamige Buch ist erschienen im Verlag Vandenhoeck &
Rupprecht,
1999 ISBN 3-525-01452-X
Prolog: Vergängliche
Erfahrungen
Das faszinierendste Phänomen, das
die Evolution des Lebens auf dieser Erde hervorgebracht hat, ist die
Liebe. Wir können sie mit all unseren Sinnen wahrnehmen, und doch hat
sie keine bestimmte Gestalt. Sie ist selbst für unsere modernsten
Messgeräte unsichtbar, unmessbar, unberechenbar, und doch sind sich
fast alle Menschen einig, dass es sie gibt. Demjenigen, der sie erlebt,
verleiht sie ungeahnte Kräfte. Wer an sie glaubt, so heißt es, kann
Berge versetzen und - was noch viel schwerer ist - sogar über seinen
eigenen Schatten springen. Dabei ist sie doch nur ein Gefühl.
Über nichts anderes ist im Verlauf
der Menschheitsgeschichte mehr nachgedacht, erzählt und geschrieben
worden als über dieses große Gefühl. Dennoch ist die Liebe etwas
geblieben, über das wir so gut wie nichts wissen. Wir haben ihr viele
Namen gegeben, sprechen von Zuneigung, Hingabe, Verbundenheit,
Zuwendung, Sympathie, Leidenschaft, Begehren und meinen immer das
Gleiche, eben Liebe. Wir haben die Liebe auch ordentlich sortiert,
unterscheiden personenbezogene und objektbezogene, geschlechtliche und
ungeschlechtliche, kindliche und elterliche, menschliche und göttliche,
aktive und passive. Wir wissen fast alles, was es zu Wissen gibt, sogar
wie man auf den Mond fliegt und Atombomben baut, wie schnell das Licht
sich ausbreitet und wie man es bündelt, wie die Erde und das Leben
entstanden ist, wie man Gene manipuliert und Menschen klont. Aber
weshalb es die Liebe gibt, wo sie herkommt und wozu sie dient, das
wissen wir nicht.
Was wir nicht wissen, müssen wir
glauben. Glauben können wir sowohl das, was wir selbst - wie wir sagen
"am eigenen Leibe" - erfahren haben, als auch das, was wir von anderen,
"vom Hörensagen" erfahren haben. Die Welt, in der wir leben, verändert
sich ebenso rasch, wie die in dieser Welt möglichen, erlebbaren
Beziehungen der Menschen zueinander. Damit ändert sich freilich auch
all das, was ein einzelner Mensch in dieser Welt über die Liebe
erfahren oder in Erfahrung bringen kann. Inzwischen glauben immer mehr
Menschen, dass die Liebe nicht mehr (eher weniger) als ein romantisches
Gefühl sei, das einen Mann und eine Frau instinktiv für eine gewisse
Zeit verbindet, oder eine als Gefühl erlebte Bindung, die zwischen
Eltern und ihren Kindern natürlicherweise entsteht, um in ebenso
zwangsläufig-natürlicher Weise wieder zu vergehen. Dieser inzwischen
weit verbreitete Glaube entspringt aus der selbst gemachten oder von
anderen übernommenen Erfahrung dieser Menschen mit der Liebe in ihrer
jeweiligen Lebenswelt. Seit etwa einhundert Jahren haben sich überall
auf der Erde die Beziehungen der Menschen zueinander, und damit auch
die Erfahrungen, die Menschen mit der Liebe machen konnten, innerhalb
weniger Generationen dramatisch verändert, in manchen Regionen rascher,
in anderen weniger rasch. In manchen Ländern hat dieser Prozess bereits
sehr früh eingesetzt, in anderen kommt er erst jetzt, dafür aber um so
mächtiger in Gang.
Noch gibt es überall Menschen, die
ihre eigenen Erfahrungen mit der Liebe machen konnten, weil sie
Gelegenheit hatten, dieses Gefühl während ihrer Kindheit selbst zu
erfahren, und weil es ihnen gelungen ist, sich den Glauben an die
Bedeutung dieses Gefühls zu erhalten. Ob ihre Zahl im Lauf dieses
Jahrhunderts abgenommen hat, ist schwer abzuschätzen. Eines aber ist
überdeutlich: Sie sind mit der Zeit immer leiser geworden. Sie teilen
ihre Erfahrung anderen, vor allem fremden Menschen, immer seltener mit.
So laufen wir Gefahr, dass es unserer Gesellschaft mit der Erfahrung
über die Liebe ähnlich ergeht wie den Südseeinsulanern mit ihrem Wissen
über die Seefahrt. Deren Vorfahren hatten einst mit unglaublich
geschickt gebauten, seetüchtigen Booten den gesamten Pazifik
durchkreuzt. Dabei waren sie auf die noch heute so paradiesisch
anmutenden Südseeinseln gestoßen. Sie ließen sich dort nieder und
wurden in dieser neuen Welt heimisch. Innerhalb kurzer Zeit wussten nur
noch wenige, und nach einigen Generationen hatten sie allesamt
vergessen, wie man seetüchtige Boote baut und auf hoher See navigiert.
Auch unsere Vorfahren haben sich
erst vor wenigen Generationen auf den Weg gemacht, mit Hilfe ihrer
Vernunft eine für sie zu muffig und zu eng gewordene Welt mit ihren
mittelalterlichen Dogmen und Schranken zu verlassen. Lang genug hatten
sie geglaubt, die Liebe sei ein Geschenk Gottes, und wer sie in sich
trage, überwinde alles Leid dieser Welt. Jetzt waren sie davon
überzeugt, dass dem Leid so nicht beizukommen sei, und sie machten sich
unter dem Banner der Aufklärung daran, ihr Leid mit Hilfe ihres
Verstandes zu beenden. Sie streiften die Ärmel hoch und kehrten alles
weg, was sie bisher daran gehindert hatte, sich ihres eigenen
Intellekts zu bedienen. Der Erfolg war überwältigend, die Begeisterung
über die neu entdeckte Kraft der nackten Vernunft griff um sich und
hielt einige Generationen an. Es schien zunächst so, als ließe sich das
Leid und die Angst des Einzelnen mit Hilfe dieses neu entdeckten
Verstandes tatsächlich überwinden. Im Lauf der Zeit versuchten immer
mehr Menschen, Sicherheit und innere Stabilität durch die Aneignung von
Macht und Reichtum zu erreichen. Jetzt wächst eine Generation von
Menschen heran, die die Folgen dieser scheinbar so überaus
erfolgreichen Strategie zu spüren bekommt. Sie hat ihnen eine
ausgeplünderte Erde, eine verpestete Umwelt, eine unwiederbringlich
verlorene Vielfalt von Lebensformen beschert und lässt immer mehr
Menschen mit dem Gefühl zurück, allein zu sein und allein zu bleiben in
einer immer bedrohlicher werdenden Welt. So ist die anfängliche
Begeisterung über die großartigen Leistungen des menschlichen
Verstandes in dem Maß verflogen, in dem diese neue Generation begreifen
musste, dass die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen prinzipiell
für alles Mögliche und Denkbare nutzbar sind. Das Zeitalter der
Vernunft geht so mit zwei bemerkenswerten Erkenntnissen zu Ende.
Erstens: Die Art und Weise, wie ein Mensch sein Denkorgan benutzt und
was er damit produziert, hängt davon ab, von welchem Gefühl er
beherrscht, von welcher Motivation er getrieben,, von welchen Absichten
er geleitet wird. Und zweitens: Wenn der Egoismus zum Leitmotiv des
Denken, Fühlens und Handelns von immer mehr Menschen wird, ist alles
möglich, nur eines nicht: Die Liebe.
Ähnlich schnell wird es den
Südseeinsulanern mit ihrer Seefahrerkunst auch ergangen sein. Eine,
zwei, drei Generationen ließen sie sich von dem Zauber der neu
entdeckten Inseln begeistern, und weg war das so lange überlieferte und
vervollkommnete Wissen. Die Fähigkeit ihrer Väter, seetüchtige Schiffe
zu bauen, war ebenso verschwunden wie deren Sehnsucht, die Grenzen und
Schranken ihrer bisherigen, immer enger werdenden eigenen Welt mit
Hilfe dieser Schiffe zu durchsegeln.
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