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Fehltritt

Harald Renner

Bild Ernährung

Der Spielplatz besitzt den magischen Hundehaufen. Menschen meiner Art tapsen totsicher hinein.

"Opa ist in Scheiße getreten!", jubelt Jasmin. Nun wissen es alle.

Ich ziehe den Kopf ein und schlurfe durch das taufrische Gras, um meine Schuhe vom Gröbsten zu reinigen. Dann nicke ich zwei jungen, hübschen Müttern zu, lasse mich bedächtig auf die Nachbarbank sinken und entnehme meiner Aktentasche Morgenlektüre, Lesebrille, Thermoskanne, Plastikbecher und die beiden Käsebrötchen. Alles ordne ich auf zwei Papierservietten an. Hinter der breit entfalteten Tageszeitung lausche ich dem dahinplätschernden Gespräch neben mir.

Bald finde ich heraus, dass meine dunkelhaarige Nachbarin Kerstin heißt und ihre blonde Freundin Myriam.

"Kommen Sie öfter her?", frage ich Kerstin, um mich in das Gespräch einzubringen. Nicht eben originell. Sie lächelt.

"Ja, ich bin jeden Vormittag mit meinen beiden Kindern hier. Und Sie?"

"Nur heute", verkünde ich und winke Jasmin zu, die die Rutsche hochklettert und mir zulacht.

"Oh, dann passen Sie ein bisschen auf." Kerstin zeigt auf die Spielgeräte. "Meine beiden kennen die Stufen am Klettergerüst, da ist eine Sprosse locker."

Myriam schaltet sich ein: "Meine Juliane hat sich neulich am Drehkarussell so heftig die Finger eingezwickt, dass es blutete. Jetzt nehme ich immer Heftpflaster mit." Sie wedelt mit ihrer Umhängetasche.

Ich gieße mir heißen Tee in den Becher. "Und Gummibärchen als Trostpflaster?", frage ich.

"Die sowieso", nickt Myriam. "Eigentlich komme ich auch wegen meiner Freundin hierher."

Kerstin ergänzt: "Wir können uns ungestört unterhalten, wenn die drei verschwinden. Am liebsten bauen sie Buden in dem Wäldchen dort drüben."

"Ist das nicht gefährlich, wenn Sie sie aus den Augen verlieren?"

"Juliane ist die Älteste und passt gut auf. Darauf ist Verlass."

Das Gespräch gerät ins Stocken, ich konzentriere mich auf den Leitartikel. Den Frühlingsmorgen genieße ich mit Wohlbehagen: das Vogelgezwitscher, den blauen Himmel, die Schäfchenwolken. Kinderlachen dringt herüber, Jasmin turnt fröhlich am Klettergerüst. Ein sanfter Wind streicht mir über die Haut. "Nun will der Lenz uns grüßen, von Mittag weht es lau," kommt es mir in den Sinn. Schläfrig schließe ich die Augen. So mag ich die Welt.

Meine Nachbarinnen nehmen mein Missgeschick zum Anlass, um sich über Hundebesitzer zu entrüsten, die ihre Köter nicht unter Kontrolle halten. "Eine echte Sauerei ist das", ereifert sich Kerstin.

Myriam nimmt das nicht so ernst: "Hundekacke bringt Glück!" behauptet sie.

"Oder Unglück für den Hundebesitzer", meint Kerstin. "Das kostet, wenn es herauskommt."

Die beiden verstummen, und meine Gedanken schweifen ab, treiben sanft dahin wie die Morgenbrise und wie die faserigen Wolken am Firmament. Ich nicke ein, träume von der Zeit, als wir noch einen eigenwilligen Perserkater hatten, der abends sanft um unsere Beine strich.

Die Zeitung ist zu Boden gesunken, als ich aus meinem kurzen Schlaf wieder auftauche. Ich hebe die Blätter auf, falte sie sorgfältig zusammen und verstaue sie in meiner Aktentasche. Zeit für mein Käsebrötchen. Das andere ist für Jasmin. Wo steckt sie?

Ich starre zur Rutsche, wo sie eben noch war. Doch da ist sie nicht mehr. Ich entdecke sie weder am Klettergerüst noch auf der Wippe, noch an der Schaukel. Ich springe auf, versuche, ruhig zu bleiben, schäme mich meiner Unachtsamkeit. Erschrocken laufe ich los, um das Mädchen zu finden.

Kerstin und Myriam erfassen die Situation, und auch sie hält es nun nicht mehr auf ihrer Bank. Gemeinsam stürmen wir zu dem Teil des Spielplatzes, der sich hinter einem Grashügel versteckt. Er grenzt an das Waldstück und ist von unseren Bänken aus nicht einzusehen. Wenige Augenblicke später sind wir dort. Jasmin ist fort.

Ich starre auf den leeren Sandkasten, blicke mich hilflos nach den beiden Frauen um, die bereits im Wald verschwunden sind. Ich eile ihnen nach, zerrissen zwischen Hoffnung und Angst. Dann entdecke auch ich das Versteck, in dem vier Kinder spielen. Juliane, die Älteste, kommt uns verschwitzt und lachend entgegen. Jasmin ist bei ihr. Es geht ihr gut. Ich brauche eine Weile, bis ich das auch von mir behaupten kann.

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