Frieden: Nichts ist mehr so, wie es einmal war?

Heidi Reith

Predigt in der Christmette 2001 in Eltersdorf

 

Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein!
Der immer schon uns nahe war, stellt sich als Mensch den Menschen dar.
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein!
Nimm an des Christus Freundlichkeit, trag seinen Frieden in die Zeit! 

Der Predigttext für die Heilige Nacht stammt aus der gerade gehörten Weihnachtsgeschichte des Lukas:

Unsere Gedanken in der Predigt der diesjährigen Christmette sollen um die Botschaft der himmlischen Heerscharen kreisen, die in dieser heiligen Nacht Gott lobten und sprachen:

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Oder in der Übersetzung von Walter Jens: „In den Himmeln: Gottes Macht! Licht! Und Herrlichkeit! Auf der Erde Gottes Friede! Friede allen, die er liebt!“ 

Gott segne unser Reden und Hören. Amen. 

Liebe Weihnachtsgemeinde! 

Ausgehend vom Predigttext habe ich meine Ansprache in drei Schritten aufgebaut:

1.- Friede auf Erden: dass es dabei auch um Politik geht ist durchaus biblisch

2.- Friede den Menschen: auch das ist biblisch und betrifft uns alle, auch hier in Eltersdorf

3.- Friede in mir: denn Friede beginnt beim Einzelnen  

Nichts ist mehr so, wie es einmal war! 

Worüber sonst können, ja müssen wir heute am Weihnachtstag 2001 sprechen, wenn nicht über die Gefährdung des Friedens in der Welt und über die Botschaft der Hoffnung auf Frieden, die wir Christen in dieser Nacht ganz besonders selber empfangen und weitergeben wollen? 

„Diese Weihnachtszeit findet uns als ein ziemlich ratloses Menschengeschlecht. Wir haben weder Frieden in uns noch Frieden um uns. Überall quälen lähmende Ängste die Menschen bei Tag und verfolgen sie bei Nacht. Unsere Welt ist krank an Krieg. Wohin wir uns immer wenden, sehen wir seine verhängnisvollen Möglichkeiten.“ So fängt im Jahr 1967 Martin Luther King seine Weihnachtspredigt an, also vor 34 Jahren. Seine Worte hören sich so aktuell an, als seien sie über das letzte Vierteljahr gesagt; aber dann könnte man fast resignieren: es scheint sich ja nichts in der Welt zu ändern. 

Nach den Terroranschlägen von New York haben wir in zahllosen Veröffentlichungen und Kommentaren lesen und hören können: „Nach dem 11. September ist alles anders: nichts wird mehr so sein, wie es einmal war.“

Das hat Ängste ausgelöst: Ängste, dass jederzeit und überall wieder so etwas ganz Schreckliches passieren könnte, dass also unser Sicherheitsgefühl mit diesen Attentaten grundsätzlich in Frage gestellt wurde.

Nichts wird mehr so sein, wie es war – aber konnte das nicht auch etwas ganz anderes heißen?

Dieser Terroranschlag, dieses Mega-Unglück schweißt Menschen zusammen, lässt sie solidarischer werden, hilfsbereiter; lässt sie enger zusammenrücken; lässt sie offener, freundlicher und vor allem nachdenklicher werden im Blick darauf, wie Lebensmöglichkeiten und Reichtum und Wohlfahrt in der Welt verteilt sind? Es wird nichts mehr so sein, wie es war: das konnte doch auch Hoffnung wecken! 

Aber ich habe den Eindruck: Längst ist eigentlich doch wieder alles, wie es immer war.

Die Welt ist nicht nachdenklicher und veränderungswilliger geworden, sondern man hat mit den alten, gleichen Mitteln, die schon immer als probat galten, zurückgeschlagen, mit Krieg, Bomben und Zerstörung.

Den Frieden mit den Mitteln des Krieges vorzubereiten und zu erhalten, diese Frage hat die Nachdenklichen in unserer Gesellschaft im vergangenen Jahr oft fast zerrissen.

Mag sein, dass der Staat und unsere Politiker so handeln mussten, wie sie es taten – aber von unserer Kirche hätte ich mir mutigere Worte gewünscht: dass nämlich mit schlechten Mitteln nur selten ein guter Zweck erreicht wird, oder wie Brot für die Welt es ausdrückt: „Bomben helfen nicht gegen Terrorismus“.  

Nach den Bomben in Afghanistan ist vieles nicht mehr so, wie es war. Da geht es ganz konkret um die Lebensgrundlagen der Menschen, die schon vorher sehr dürftig waren und inzwischen vollkommen entwürdigend sind. Viele haben kein Dach über dem Kopf, obwohl dort auch eisiger Winter herrscht wie hier bei uns. Vielen fehlt selbst das tägliche Brot, um das wir im „Vaterunser“ bitten.

Aus dem Wissen um diese Situation heraus helfen Organisationen und Einzelpersonen. Auch die Konfirmanden und Konfirmandinnen aus Eltersdorf haben am 1. Advents-Sonntag nach der Kirche Kaffee und Kuchen verkauft, um mit den Einnahmen Menschen in Afghanistan zu unterstützen. Das ist wirklich eine gute Sache!

Aber warum? Warum tun wir so etwas?

Weihnachten ist wohl der beste Termin, um sich Gedanken darüber zu machen, aber auch, um eine Antwort darauf zu finden.

An Weihnachten ist es üblich, sich gegenseitig etwas zu schenken. Dieser Brauch stellt die Erinnerung dar an das größte Geschenk der Welt. Dieser Superlativ kann wirklich nicht übertroffen werden und ist deshalb bewusst gewählt. Gott selber hat uns seinen eigenen Sohn geschenkt. Dieses Geschenk kann man gar nicht vergleichen mit den gekauften, teilweise selber gebastelten, eingepackten oder verzierten Dingen, für die sich sicherlich viele Menschen große Mühe gegeben haben. Diese Gegenstände liegen heute auf dem Gabentisch und werden vielleicht schon morgen beiseite gelegt und verstauben. Gottes Geschenk aber spricht nicht nur unseren Besitz, unser Haben, an, sondern wirkt auf unser Mensch-Sein. Gottes Sohn Jesus Christus, geboren heute vor 2000 Jahren, fordert uns heraus!

„Eine Gabe ist eine Aufgabe“, so formuliert es Käthe Kollwitz, und Gottes Gabe ist eine Lebens-Aufgabe für uns. Gott mutet uns zu, seinen Weg zu gehen, und zeigt uns durch seinen Sohn, wie dieser Weg aussehen soll. Über die zehn Gebote hinaus lehrt er uns, wie unser Verhalten in Beziehung zu unseren Mitmenschen aussehen kann, wie wir unsere Gesellschaft gestalten können – wie wir in Frieden mit uns und unserer Mitwelt leben können.

Wenn wir nicht nur an uns selber interessiert sind, wenn wir offene Augen für andere haben und deren Sorgen und Träume auch unsere werden lassen, dann haben wir Jesus ein Stück als unseren Wegweiser erkannt. Wenn wir unseren Egoismus überwinden, dann ist auf einmal nicht mehr alles so, wie es einmal war. Dann können wir „shalom“, den Frieden haben, der Heil und Heilung bedeutet.

Dieses Heil kann jedoch nicht allein an dem äußeren Handeln eines Menschen fest gemacht werden, die innere Einstellung muss stimmen. Wir dürfen nicht aus Routine oder aus Zweckdenken handeln, also weil es immer schon so war oder weil ich davon profitiere. Heil muss bei mir im Innern anfangen.

Wenn ich zum Beispiel etwas gebe, dann unbefangen und gerne, und nicht mit dem Gedanken im Hinterkopf: damit mache ich Eindruck auf andere oder bekomme eine Spendenquittung. „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb!“ heißt es auf den Sammeltüten der Diakonie, und damit ist der Kern der Sache getroffen.

Auf einem Stadttor in Lübeck steht der Spruch „concordia domi, foris pax“, das heißt: „Wenn wir im Innern einträchtig sind, dann kann draußen Frieden sein." Das gilt auch für jeden von uns: Wenn wir mit uns selbst im Reinen sind, dann können wir auch Frieden schaffen. Dabei geht es um den Frieden in uns, den Frieden mit unseren Nächsten und den Frieden in der Welt.

Christus hat das zu seiner Lebensaufgabe gemacht, was die Engel ihm schon an der Wiege gesungen haben: Friede zu bringen.

Das soll genauso unsere Lebensaufgabe sein, auch wenn Christus eine sehr hohe moralische Messlatte für uns „normale Sterbliche“ ist.

Trotzdem können wir uns immer wieder darum bemühen, ein Stück mehr Friede in die Welt zu bringen – nicht nur an Weihnachten. Gott selbst hilft uns durch Jesus dabei. Durch das Geschenk seines Sohnes hat er bewirkt, dass die Welt wirklich nicht mehr so ist, wie sie immer war. Ursache ist nicht der 11. September, sondern der 24. Dezember! Jetzt kann wahrhaft Friede werden! 

Amen.