Leben
Eine globale Revolution gegen den Hunger
Quelle: Greenpeace-Magazin 5/01
Neue Forschungsergebnisse belegen nicht nur die negativen Folgen der industriellen Landwirtschaft für Umwelt und Artenvielfalt — ein Team der britischen Universität Essex hat mit einer Studie über 208 Projekte in 52 Ländern nun erstmals aufgezeigt, wie sich der Welthunger mit naturnaher Landwirtschaft besiegen lässt. Natürlich ohne Gentechnik.
Ein Report von Alexandra Rigos
Düster gestimmt gaben sich die Autoren einer Studie, die das US-Wissenschaftsmagazin „Science“ im April dieses Jahres veröffentlichte. „Die meisten Ökologen auf diesem Planeten dürften an einem posttraumatischen Stresssyndrom leiden“, sagt David Schindler, ein Vertreter der gebeutelten Zunft von der kanadischen University of Alberta. Er und neun weitere Kollegen von verschiedenen amerikanischen Forschungsinstituten hatten ausgerechnet, was es für die Erde bedeutet, sollten die Bauern dieser Welt weiterwirtschaften wie bisher: Zehn Millionen Quadratkilometer intakte Natur, eine Fläche größer als die USA, müssten bis zum Jahr 2050 Weiden und Äckern weichen, die Umweltverschmutzung durch Stickstoff, Phosphor und Pestizide würde im selben Zeitraum um das Zwei- bis Dreifache zunehmen, zahllose Tier- und Pflanzenarten drohten auszusterben. „Gut, dass ich dann nicht mehr lebe“, kommentiert Schindler trocken.
Gute Laune lösen solch apokalyptische Szenarien hingegen in den Vorstandsetagen der Lebensmittel- und Biotechnologiekonzerne aus – liefern sie doch einen Vorwand, der Menschheit endlich genmanipulierte Pflanzen und Tiere aus ihren Laboren schmackhaft zu machen. „Die Welt muss die Lebensmittelproduktion bis zum Jahr 2050 verdreifachen“, sagt Peter Brabeck-Letmathe, Chef des Lebensmittelgiganten Nestlé, „ja, wie soll denn das gehen ohne Gentechnik?“ Unmoralisch wäre es, so Brabeck-Letmathe, verzichtete ein Konzern wie Nestlé „auf Druck einiger privilegierter Europäer“ auf Gen-Zutaten.
Geschickt versteht es die Biotechnik-Lobby, den Hunger in den Ländern des Südens für ihre Imagewerbung in den Industriestaaten zu instrumentalisieren. Denn bislang lehnen europäische Esser genmanipulierte Lebensmittel vehement ab. Schließlich schmeckt die Designerkost weder besser, noch birgt sie für den Verbraucher sonstige Vorteile – wohl aber Risiken. Selbst in den fortschrittsfreudigen USA musste die Industrie in letzter Zeit um ihr Image bangen – nicht zuletzt wegen des Skandals um mit unzulässigem Gen-Mais gebackene „Taco Shells“. Über den Umweg durch die Entwicklungsländer, so das Kalkül der Konzerne, könnte die verschmähte Techno-Nahrung eines Tages im Westen doch noch salonfähig werden.
Schützenhilfe erhielt die Gentechnik-Lobby kürzlich zur Verwunderung vieler Experten (siehe Interview Seite 25) vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP): „Genmanipulierte Nutzpflanzen könnten die Unterernährung bekämpfen und würden besonders für arme Bauern südlich der Sahara wertvoll sein“, heißt es im diesjährigen Entwicklungsbericht der Behörde. In der Vorstellung des UNDP-Direktors Mark Malloch Brown wachsen sich neue, gentechnisch veränderte Reissorten zu wahren Zauberpflanzen aus: „Sie haben 50 Prozent höhere Erträge, enthalten mehr Protein, leiden weniger unter Krankheiten und Dürre und wachsen ohne Kunstdünger und Pestizide.“
Und diese Gewächse wollen Umweltschützer von den Äckern verbannen, obwohl weltweit noch immer 800 Millionen Menschen hungern? „Kein einziger gentechnisch modifizierter Organismus, der auf dem Markt ist, erfüllt solche Versprechungen“, kontert Von Hernandez von Greenpeace Südostasien, „und das UNDP sollte wissen, dass sich die komplexen Probleme von Hunger und landwirtschaftlicher Entwicklung nicht mit irgendwelchen Wunderpflanzen lösen lassen.“
Fast alle genetisch veränderten Nutzpflanzen, deren Saatgut Bauern heute kaufen können, zeichnen sich entweder durch ihre Widerstandskraft gegenüber einem bestimmten Unkrautvernichter aus, oder aber sie enthalten die Erbanlagen für das natürliche Insektengift Bt-Toxin. Ziel dieser Genbasteleien ist nicht etwa die Steigerung der Ernten, sondern schlicht rationelleres Arbeiten auf dem Acker. Profitieren von dieser Möglichkeit können jedoch nur Betriebe, die über Maschinen, viel Land und ausreichend Kapital verfügen. Arme Kleinbauern, bei denen es ohnehin nicht zum Kauf von Kunstdünger und Pestiziden reicht, nutzt jene Gentechnik nichts, die derzeit zum Einsatz kommt. Im Gegenteil, auf ihren oft mageren Böden würden die Turbogewächse ohne chemische Nachhilfe weniger abwerfen als ihre robusten herkömmlichen Sorten.
Und sogar in Industrieländern lösen Gen-Pflanzen die Versprechen ihrer Schöpfer oft nicht ein: So ergab eine Studie des US-Landwirtschaftsministeriums, dass beim Anbau von Gen-Soja durchschnittlich elf Prozent mehr Unkrautvernichter auf den Feldern landet als bei konventionellen Pflanzen – und nicht weniger, wie Monsanto & Co. verheißen. so offensichtlich vernachlässigt werden“, klagt Greenpeacer Hernandez, „ist der Kern des Problems.“
Selbst im – hypothetischen – Fall, dass Wohltäter an die Bedürfnisse armer Bauern angepasste Nutzpflanzen genetisch aufpeppten und kostenlos unter das Volk brächten, wäre deren Anbau keine Lösung. Denn gerade in Tropenländern mit ihrer Artenvielfalt wachsen wilde Verwandte vieler Kultursorten. Durch Auskreuzen können sich die gentechnisch veränderten Eigenschaften auf Wildpflanzen übertragen und natürliche Ökosysteme aus den Fugen bringen.
Ein unnötiges Risiko, denn es geht auch ohne Gentechnik. Eine Studie der Universität von Essex zeigt, dass nachhaltige Landwirtschaft mit wenig Chemie den Hunger in Entwicklungsländern stillen kann. 208 ökologisch ausgerichtete Agrarprojekte in 52 Ländern haben Jules Pretty und Rachel Hine im Auftrag von Greenpeace, Brot für die Welt und dem britischen Department for International Development ausgewertet. Neun Millionen Bauern waren an den untersuchten Vorhaben beteiligt, die eine Fläche von fast 300.000 Quadratkilometern umfassten. Den westlichen Kriterien für Ökolandbau entsprechen viele Projekte zwar nicht, doch sichern sie nach Einschätzung der Autoren dauerhaft die natürlichen Ressourcen wie Wasser, Boden und biologische Vielfalt.
Vor allem aber werfen sie hohe Erträge ab: Im Schnitt gaben die Äcker nach der Einführung der verbesserten umweltschonenden Methoden um 50 bis 100 Prozent mehr her. Zwar war bei künstlich bewässerten Feldern das Potenzial geringer, doch lag auch dort die nachhaltige Landwirtschaft um fünf bis zehn Prozent im Plus. Kein Vergleich also mit Mitteleuropa, wo Biobauern durchschnittlich um ein Drittel geringere Ernten einfahren als ihre konventionelle Konkurrenz.
Paradox erscheint das nur auf den ersten Blick. Denn anders als in den Industrieländern wirtschaften die meisten Bauern in den Ländern des Südens eben nicht industriell mit Maschinen, teuren Ackergiften und viel Kunstdünger. Zwar gibt es riesige Plantagen für Exportfrüchte wie Kaffee oder Orangen, die sich in den fruchtbarsten Regionen ausdehnen und intensiv mit viel Chemie beackert werden. Doch zwei Drittel der Landbewohner bestellen ihre meist ärmeren Böden so, wie sie es seit Jahrhunderten gewohnt sind. Und obwohl in traditioneller Landwirtschaft viel Erfahrungswissen steckt, ist sie an heutige Umweltbedingungen und Lebensgewohnheiten häufig nicht gut angepasst – und bietet entsprechend viel Spielraum für Verbesserungen.
So konnten Stammesvölker in Lateinamerika und Südostasien jahrhundertelang kleine Felder aus dem Urwald herausbrennen, ohne die Natur dauerhaft zu zerstören. Nach wenigen Anbauperioden, wenn der Boden ausgelaugt war, zogen die Menschen weiter. Heute hat der Bevölkerungsdruck auf die letzten Tropenwaldgebiete der Welt so zugenommen, dass sie keinen Brandrodungsfeldbau mehr verkraften können. Auch wurden Kleinbauern vielerorts schon zur Kolonialzeit von Plantagen auf ärmere, oft höher gelegene und von Erosion bedrohte Areale verdrängt, wo ihre überlieferten Anbautechniken versagten.
Wo Bauern einigermaßen fruchtbare Böden bestellen, könnte westlich geprägte Intensivlandwirtschaft kurzfristig vermutlich mehr abwerfen als nachhaltige Methoden, wie sie Jules Pretty und Rachel Hine studiert haben. Auf lange Sicht müssten die Landwirte jedoch denselben Preis entrichten, den die „Grüne Revolution“ in vielen Weltregionen bereits gefordert hat: Zwar verdoppelten Hochertragssorten, Kunstdünger und Pflanzenschutzmittel die Nahrungsmittelproduktion in Entwicklungsländern seit den 60er Jahren beinahe, erkauft wurden die Ertragssteigerungen aber durch degradierte Böden, das Verschwinden wilder Tiere und Pflanzen sowie teils grausige Gesundheitsschäden durch Pestizide.
Wie sich traditionelle Anbauweisen ökologisch weiterentwickeln lassen, zeigen zum Beispiel Agrarprojekte in Indien, die auf die Ausbildung der Bauern setzen: Eine Vielzahl von Initiativen wie das „Government of Rajasthan Watershed Development Program“ bringt der Landbevölkerung bei, wie sie mit simplen und billigen Mitteln die Fruchtbarkeit ihrer Böden steigern können. Dazu zählen geschickte Wasserrückhalte- und Bewässerungstechniken, das Pflanzen von Bäumen und Hecken oder der Anbau entlang von Höhenlinien, um der Erosion Einhalt zu gebieten. Unspektakulär klingen diese Maßnahmen, ihre Effekte hingegen sensationell: In den Dörfern haben sich die Erträge von Reis, Weizen oder Möhrenhirse (Sorghum) oft mehr als verdoppelt, ist degradiertes Land wieder ergrünt und der Grundwasserspiegel in Trockengebieten gestiegen.
Schlüssel zum Erfolg solcher Vorhaben ist aller Erfahrung nach, die lokale Bevölkerung von Anfang an miteinzubeziehen. Statt bloß Anweisungen von außen Folge zu leisten, gründeten die indischen Dörfler Selbsthilfegruppen und übernahmen gemeinsam Verantwortung dafür, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. So wuchsen mit den Ernten auch Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit der Bauern – genau das Gegenteil dessen, was die Verbreitung patentierter Gen-Saaten aus westlichen Labors bewirken würde.
Gerade in Indien hat sich die Angst der Landbevölkerung vor der Gentechnik immer wieder in teils gewalttätigen Protesten entladen. Die Menschen fürchten vor allem die Verbreitung der so genannten „Terminator-Technologie“. Diese gentechnische Methode verhindert, dass die manipulierten Pflanzen keimfähige Samen bilden können, und würde die Bauern endgültig in die erdrückende Umarmung der Saatgutkonzerne treiben.
Seit alters her sind es besonders die Frauen, die Verantwortung für das Sammeln und Verwalten des Saatguts tragen. Ihre soziale Stellung würde weiter geschwächt, kauften ihre Männer Jahr für Jahr neue Saat beim Händler. Eine fatale Entwicklung, sind sich doch alle Experten einig, dass die Aufwertung der Frauen Grundlage von mehr Wohlstand und weniger Leid in der Dritten Welt ist.
Sollten die Bauern in Entwicklungsländern auf Gentechnik setzen, droht sich darüber hinaus noch mehr Monotonie auf den Äckern breit zu machen – wenige genmanipulierte Sorten würden eine Vielfalt bewährter Kulturpflanzen verdrängen. Wie die Studie aus Essex zeigt, hilft jedoch gerade mehr Abwechslung in der landwirtschaftlichen Produktion, das Einkommen der Landbevölkerung aufzubessern. Eindrucksvoll belegt diesen Zusammenhang das „Fisch-im-Reis“-Programm in der chinesischen Provinz Jiangshu: Seit Bauern dort ihre überfluteten Reisfelder zugleich als Aquakulturen verwenden, hat sich der Gewinn pro Fläche fast verdreifacht. Die gezüchteten Fische reichern die Kost der Landbevölkerung mit Eiweißen an und vertilgen obendrein den Nachwuchs der Malariamücken. Ähnliche Erfolge melden Dörfler in Bangladesch, die nicht nur Fische in ihren Reisfeldern aufpäppeln, sondern auch die Deiche zwischen den „paddies“ mit Gemüse bepflanzen. Und Farmer im vietnamesischen Mekong-Delta nutzen ihr Land im Lauf der Jahreszeiten abwechselnd zur Garnelenzucht und zum Reisanbau, ohne die Fruchtbarkeit der Böden zu mindern.
Häufig liefert nachhaltige Landwirtschaft sogar ebenso üppige Ernten wie intensiver Ackerbau nach westlichem Muster. Kaum irgendwo auf der Welt verspritzen Bauern mehr Pestizide als auf den Reisfeldern Ostasiens – oft sinnlos. Jahrelang etwa hatten Landwirte in der vietnamesischen Provinz Long Am mehrmals pro Anbausaison Larven chemisch attackiert, die sich über die Blätter der Schößlinge hermachten. Dann aber entdeckten Forscher, dass der Insektenangriff die Reisausbeute gar nicht verringerte. Eine breit angelegte Medienkampagne mit Flugblättern und Radiospots senkte schließlich den Gifteinsatz um mehr als zwei Drittel – die Erträge blieben unverändert oder nahmen sogar zu.
Schiere Not hingegen zwang Kuba, auf Ökolandbau umzusatteln. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, einst wichtigster Handelspartner des Karibikstaats, standen den Bauern auf einen Schlag praktisch kein Kunstdünger, keine Pflanzenschutzmittel und nicht einmal mehr Benzin für die Traktoren zur Verfügung. Die Menschen begannen zu hungern, die tägliche Kalorienzufuhr sank von 2600 auf unter 1500. Die Regierung Fidel Castros rief ein „Alternativmodell“ aus: Ochsen ersetzten Traktoren, biologische Schädlingsbekämpfung chemische Pestizide, ausgeklügelte Fruchtfolgen die Monokulturen. Mit Erfolg: Ende der 90er Jahre nahm ein Kubaner im Durchschnitt wieder 2700 Kalorien am Tag zu sich.
Viel versprechende Ansätze einer umweltverträglichen und dennoch ertragreichen Landwirtschaft gibt es also genug, Patentlösungen allerdings keine: Gerade in den Tropen sind Ökosysteme so komplex und so verschiedenartig, dass für jede Region, wenn nicht für jeden Ort eine maßgeschneiderte Anbaustrategie nötig ist. Sie muss nicht nur das Klima und die Gesetzmäßigkeiten der Natur ringsum berücksichtigen, sondern auch die Traditionen und sozialen Strukturen der Dörfer. So eröffnet sich ein nahezu unerschöpfliches Betätigungsfeld für Wissenschaftler und experimentierfreudige Bauern. Doch immer weniger geben die Industrieländer für solche Forschung aus – wie für Entwicklungshilfe insgesamt. Flossen im Jahr 1989 weltweit sieben Millarden US-Dollar Entwicklungshilfe in Agrar-, Forst- und Fischereiprojekte, so waren es 1999 nur noch drei Milliarden. „Dass Investitionen in die Weiterentwicklung nachhaltiger Methoden der Landwirtschaft so offensichtlich vernachlässigt werden", klagt Greenpeacer Hernandez, „ist der Kern des Problems."
Mit freundlicher Genehmigung von www.greenpeace.de





