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 Kartoffelfeuer

Leben

Im letzten Jahr brannte das Laub besonders gut.

Brigitte Neumann

Im letzten Jahr brannte das Laub besonders gut. Als die lodernden Flammen in sich zusammenfielen, legten die Frauen die Kartoffeln ins Feuer. Die Kinder spielten auf dem abgeernteten Feld und brachten immer wieder noch eine Kartoffel, die sie gefunden hatten. Es war schon dämmerig, als sich alle ums Feuer versammelten, die leicht verbrannten Knollen mit einer Zange herausholten, die verkohlte Schale ein wenig abkratzten und voller Genuss hinein bissen. Die Frauen erzählten, die Kinder blieben nicht lange sitzen. Sie spielten Verstecken in der zunehmenden Dunkelheit. Irgendwann gingen alle heim. Die Glut war noch nicht ganz erloschen, ein paar vergessene Kartoffeln brieten vor sich hin und wurden zu Asche.

Im nächsten Jahr fiel das Kartoffelfeuer aus - wegen Regen. Und in den Jahren darauf fielen immer mehr Kartoffelfeuer aus - wegen Zeitmangel. Längst klauben die Frauen die Kartoffeln nicht mehr. Jedes Jahr im Herbst rücken große Vollerntemaschinen an und erledigen die Arbeit in einem Bruchteil der Zeit.

Ohne Aufsehen zu erregen, hat indessen die Kartoffel Karriere gemacht. Füllte sie einst als Pellkartoffel, Salzkartoffel oder Kartoffelsuppe den Bauch von hungrigen Kindern, Frauen und Männern, durchläuft sie heute hochtechnologische Prozesse - bevor sie in der Tüte landet. Als Flockenpüree, Knödelkrümel oder eingeschweißte, halbgegarte Dampfkartoffel wartet sie in den Lebensmittelregalen darauf, gekauft zu werden. Im Tiefkühlregal bietet sie sich an als Pommes Frites, Krokette oder Kartoffelburger. Besondere Beliebtheit erlangte sie feurig gewürzt als Chips und Sticks. Dampfgaren unter Hochdruck, Trocknen am Band per Mikrowelle und andere technologische Fertigkeiten setzen der Phantasie der Hersteller kaum Grenzen.

Manipulation sagen die einen. Da weiß man ja gar nicht mehr, was man isst, ergänzen die anderen. Warum regt ihr euch auf, fragen die dritten. Wir finden das toll, sagen die vierten, dann brauchen wir nicht mehr so viel Zeit in der Küche zu verbringen.

Unterdessen drängt die Kartoffel weiter nach oben - in die Labore der Gentechnologen. Medikamente gegen Durchfall oder Ballaststoffe für geregelte Verdauung gentechnisch in Kartoffeln einzubauen, sind nur zwei Beispiele, an denen geforscht wird. Sie zeigen, wo die Zukunft hinführen könnte: Zu den mit Nährstoffen auf unterschiedlichste Art angereicherten Produkten, die neben Wohlgeschmack und Sättigung vor allem ein Plus für die Gesundheit beinhalten sollen. Dann braucht man keine Pille mehr, sondern isst einfach das Medikament mit und in der Kartoffel.

Manipulation sagen wieder die einen. Wo soll das hinführen, fragen ängstlich die anderen. Wir sind dagegen, protestieren die dritten. Wir sind dafür, entgegnen die Vierten, denn darin liegt die Chance für Gesundheit und Fitness bis ins hohe Alter.

Haben die Kartoffeln im Kochtopf auf dem Herd allmählich ausgedient? Stehen Pellkartoffeln, Salzkartoffeln und Kartoffelsuppe mit Majoran und Würstchen kaum noch auf dem Speiseplan? Tatsächlich verzichten immer mehr Menschen darauf, die Kunst des Kochens auszuüben - und vertrauen sich den technologischen Köchen an. Andere wiederum entdecken, dass die Kunstküche auf Dauer ihren Gaumen nicht befriedigt.

Letzte Woche kamen junge Familien aus der nahe liegenden Stadt aufs Dorf. Sie steuerten auf einen Bauernhof zu. An dessen Hoftor hing ein Schild: Frühkartoffeln zu verkaufen. In der dunklen Scheune standen erst wenige Säcke mit gelbschaligen, erdig duftenden Kartoffeln. Die Schale blätterte noch leicht ab. Sie waren am Tag zuvor frisch geerntet worden. In drei Wochen würde die Haupternte sein. Während die Kinder die Hasen fütterten, unterhielten sich die Erwachsenen mit der alten Bäuerin - über das Wetter, über die Kartoffeln - und über die Kartoffelernte. Nach einer halben Stunde verabschiedeten sie sich. In drei Wochen kommen sie wieder, denn sie haben sich verabredet - zum Kartoffelfeuer.