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Themen "Leben": |
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Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden. In der Bahnhofskneipe waren die letzten Gäste gegangen. Nena sah den Weihnachtstagen mit gemischten Gefühlen entgegen. Seit dem Tode ihres Mannes vor vier Jahren spürte sie ihre Einsamkeit in dieser Zeit besonders schmerzhaft. Gut, dass sie morgen zu ihrer Tochter nach Goslar fahren konnte. Sie hatte die Eingangstüre verschlossen und die Rolläden herabgelassen. Sie hatte aufgeräumt, die Tische abgewischt, die Stühle auf die Tische gestellt und die Steinfliesen von grobem Schmutz befreit. Noch war sie mit dem Abspülen der Gläser beschäftigt, als ein leises Klopfen an der Haustüre sie zusammenfahren ließ. Erneut vernahm sie das Klopfen, diesmal rascher, lauter und drängender. Nena löschte alle Lichter und glitt zum Fenster links neben der Türe. Dort zog sie den Rolladen vorsichtig ein Stück weit nach oben, bis sich in Augenhöhe ein schmaler Sehschlitz öffnete. Sie konnte den menschenleeren Bahnhofsvorplatz erkennen, der von wenigen Laternen trübe beleuchtet war. Die weihnachtliche Lichterkette tanzte im rauen Wind und warf unheimliche Schatten auf den nassen Asphalt. Schwerer Regen peitschte gegen die Scheibe. Sie spähte nach draußen und fuhr mit einem Aufschrei zurück, als eine dunkle Silhouette vor dem Fenster auftauchte. Es dauerte eine Weile, bis sie in der vor Nässe triefenden Gestalt den Gast erkannte, der heute Abend still und verloren in seiner Ecke gesessen und vor sich hingestarrt hatte. Sie wusste nur, dass er Willi hieß. Ein anderer Gast hatte ihn im Vorbeigehen so genannt. "Kann ich Ihnen helfen?", fragte sie ihn. Die Türe hatte sie einen Spalt weit geöffnet. "Ich weiß nicht", gab Willi zur Antwort. "Sie haben schon geschlossen, nicht wahr? Und den Feierabend verdient." Ja, das hatte sie wirklich, gab sie ihm im Stillen Recht. Sie war müde und abgekämpft und wollte nur noch ins Bett und zur Ruhe kommen. Andererseits: Diesen frierenden, einsamen Menschen konnte sie auch nicht einfach im Regen stehen lassen. Er flehte mit kaum hörbarer Stimme: "Nur ein paar Minuten, bitte. Hätten Sie die für mich übrig? Es ist so wichtig für mich. Ich muss reden. Oder soll ich lieber gehen?" Seufzend gab sie sich geschlagen. "Kommen Sie rein", forderte sie ihn auf. "Sie sind völlig aufgelöst. Dort draußen holen Sie sich ja den Tod." Sie schaltete die Lichter wieder an und musterte den hageren Mann, der mit hängenden Schultern vor ihr stand. Um seine Mundwinkel zuckte es bedenklich. "Sie haben den letzten Zug verpasst?" "Nicht wirklich. Ich will weg, weiß aber nicht wohin." Nach einer Weile ergänzte er: "Ich bin zu Hause rausgeflogen. Für immer." Was geht mich das an?, dachte sie. "Hatten Sie Streit?", fragte sie schließlich. Er nickte. "Ja, schlimmen Streit. Sehr schlimmen. Ich habe sie geschlagen." Hoffnungslos starrte er zu Boden. "Ich bin ausgerastet und schäme mich so. Ich kann nie mehr zurück." Tränen rannen ihm über die Wangen. Ratlos blickte sie ihn an und schwieg. Auch er blieb stumm, hielt den Blick gesenkt. Dann fasste sie einen Entschluss. "Komm", sagte sie einfach, legte sanft den Arm um seine Schultern und zog ihn zu sich heran. Wie ein Schiffbrüchiger klammerte er sich an seine Retterin, suchte verzweifelt ihren Halt. Er stieß kleine Wimmerlaute aus. Ein Kind, dachte sie, ein verzweifeltes Kind, das Schutz braucht. Ein Mann, der seine Frau schlägt und es bitter bereut. Strandgut. Sie wiegte ihn sanft in ihren Armen, strich ihm über das nasse Haar. Sie flüsterte beruhigend "pscht" in sein Ohr, als wollte sie mit diesem tröstenden Laut all seinen Kummer und all seine Schuld fortblasen. Sie legte sich um ihn wie ein Mantel, umhüllte ihn mit Nähe, Wärme und Vertrauen. Ohne nachzudenken, führte sie ihn in ihre Wohnung, folgte der inneren Stimme, die sich über alle Bedenken erhob. Sie begleitete ihn ins Bad und half ihm, sich auszuziehen. Er war nass bis auf die Haut. Als er nackt und fröstelnd vor ihr stand, schob sie ihn unter die Dusche und wartete, bis der Wasserstrahl heiß und kräftig auf ihn niederprasselte. Sie hob seine nasse Kleidung vom Boden auf, strich sie sorgfältig glatt und hängte sie zum Trocknen an die Leine, die über die Badewanne gespannt war. Als sie wenig später in dem breiten Bett zueinander fanden, als sie sich liebevoll verschlungen zwischen verknäulten Kissen und Decken spürten, waren sie füreinander das, was sie brauchten. Seit Jahren hatte sie sich danach gesehnt und ausgestreckt. Ein Geschenk des Himmels? Sie wollte es glauben und zögerte nicht, es anzunehmen und auszukosten. Sie hasste Männer, die ihre Frauen misshandelten. Zu dieser Stunde wollte sie nicht darüber nachdenken. Zwei verzweifelte Menschen, die sich annahmen, wärmten und stützten. Nur das zählte für sie in dieser Nacht. Stunden später blinzelte Willi dem neuen Tag entgegen. Ihn lockte der Duft von Rühreiern und gebratenem Schinkenspeck, von Toast, heiß dampfendem Kaffee und frisch gepresstem Orangensaft. Nena schob ihm zwei Kissen hinter den Rücken und beobachtete lächelnd, wie er das Tablett auf den Knieen balancierte und es sich mit geschlossenen Augen schmecken ließ. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie fertig angezogen war und und im Begriff, das Haus zu verlassen. "Nanu", fragte er erstaunt, "du gehst?" "Ja, in einer halben Stunde muss ich fort. Ich fahre zu meiner Tochter. Beeilst du dich mit dem Anziehen?" Er nickte. "Sehen wir uns wieder?", fragte er sie, als er mit ihr über die Schwelle trat. Sie zuckte mit den Schultern. "Nein. Ich weiß es nicht. Lass mir Zeit", bat sie ihn. |
Kurzgeschichten
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