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Morgengrauen

Harald Renner

Bild Ernährung

Die Nacht, in der die Boisemanns aus unserer Reihenhaussiedlung verschwanden, war wolkenverhangen und schwül. Ich erwachte gegen vier Uhr verschwitzt, unruhig und von wilden Träumen gehetzt. Mir war, als hätte eine Frau geschrieen. Gedämpfte Männerstimmen und zuschlagende Autotüren hatten mich aufgeweckt, schleifende Geräusche meine Fantasie beschäftigt. Ich schlich zum Fenster und erspähte durch den Vorhang die Rücklichter einer hellen Limousine, die mit quietschenden Reifen davonraste. Mein Mann hatte die ganze Zeit geschnarcht, ihn wollte ich nicht wecken. Er war beruflich stark eingespannt und brauchte seinen Schlaf.

Die Boisemanns, unsere hochnäsigen Nachbarn, verbrachten im Sommer bei gutem Wetter den ganzen Tag in ihren Liegestühlen auf dem gepflegten Rasen vorm Haus. Die Liegestühle standen immer an derselben Stelle, einer dicht neben dem anderen, so dicht, dass sich die Armlehnen berührten. Alles an dem pensionierten Juristenehepaar war korrekt und geordnet, ihr ganzes Leben schien geplant und vorhersehbar. Den Nachbarn begegneten sie zurückhaltend - nicht unfreundlich, aber kühl. Niemand kannte und schätzte sie wirklich. Auch ich fand sie in ihrer lupenreinen Überheblichkeit unausstehlich. Wir waren in unserer Straße fröhlich und gesellig, hatten keine Geheimnisse voreinander, machten viel gemeinsam, feierten zusammen, nahmen Anteil. Nur die Boisemanns taten so, als wären sie als Akademiker etwas Besseres. Sie igelten sich ein, und das mochten wir nicht.

Seit ich die Boisemanns kannte, folgte ihr Tagesablauf starren Regeln. Ihre Rolläden hoben sich exakt um sieben Uhr. Danach rauschte die Klospülung, wenig später drangen Duschgeräusche an mein Ohr. Pünktlich um halb acht erschien Frau Boisemann makellos frisiert am Küchenfenster. Sie füllte Wasser in den Automaten, häufelte Kaffee in den Filter und deckte den Frühstückstisch. Stets waren es dieselben Zutaten: Cornflakes, Orangensaft, Vollkornbrot, Margarine, Quark. Nie bemerkte ich beim täglichen Blick abwärts in ihr Küchenfenster eine Abwechslung. Um zehn vor acht entriegelte ihr Mann die Haustüre, strebte erhobenen Hauptes zum Briefkasten. Er entnahm die Tageszeitung und entfaltete sie sorgfältig auf dem Weg zurück. Um neun Uhr zwanzig verließen beide das Haus und kehrten eine gute Stunde danach mit ihren gefüllten umweltfreundlichen Leinentaschen zurück.

Heute war alles anders, mit einem Schlag. Die Rolläden blieben unten, Klospülung und Dusche sandten keine Geräusche herüber. Der Frühstückstisch war leer. Die Zeitung steckte unbeachtet im Briefkasten. In den acht Jahren unserer Nachbarschaft war etwas derartiges noch nicht geschehen.

Im Laufe des Vormittags nahmen Sorge und Gewisper in unserer Straße zu. Plötzlich erinnerten sich mehrere Mitbewohnerinnen an die nächtlichen Geräusche, die uns um den Schlaf gebracht hatten. Immer neue verstörende Einzelheiten wurden bekannt und flüsternd weitergetragen. Zwei Männer wären es gewesen, ein hagerer langer und ein fettleibiger kleiner. Der Lange hätte eine Schirmmütze getragen und mit einer Taschenlampe schwaches Licht verbreitet. Der Kleine hätte einen sperrigen, schweren Gegenstand geschleppt und ächzend im Kofferraum verstaut. Mehrfach wären die beiden ins Haus zurückgeschlichen, zuletzt mit Frau Boisemann in ihrer Mitte. Sie hätte schlaff und wehrlos gewirkt. Einer der Männer hätte sie grob am Arm gepackt und zornig auf sie eingeredet. Der andere hätte die Fahrzeugtüre aufgehalten und die arme Frau energisch, fast brutal, ins Wageninnere gestoßen. Der helle Mercedes war auch anderen aufgefallen. Eine von uns wollte gar ein Taxischild am Autodach entdeckt haben.

Am Nachmittag wurde die öffentliche Unruhe zur düsteren Wahrscheinlichkeit. Noch immer waren die Rolläden heruntergelassen, die Boisemanns wie vom Erdboden verschluckt. Angehörige oder Freunde schien es nicht zu geben, jedenfalls kannte sie keine von uns. Wir beschlossen, nicht länger auf die Rückkehr unserer berufstätigen Männer zu warten. Sollten die doch die Polizei informieren, das war Männersache. Wir mussten uns Gewissheit verschaffen, und zwar sofort.

Der schwarze Volvo stand herrenlos in der Garage. Wir angelten Briefe aus dem Kasten, öffneten sie und hofften, mehr über die sich beharrlich unserer Neugier entziehende Familie zu erfahren. Hinweise auf Verwandte, Hobbies oder heimliche Laster. Vergeblich. Wir schlichen durch den gepflegten Garten und achteten sorgfältig darauf, keine Blumen zu zertreten. Wir hoben die Rolläden an und forschten nach Anzeichen von Gewalt im Inneren des Hauses. Wir hatten Scherben, umgestürzte Stühle, herausgerissene Schubladen und wahllos auf dem Boden verstreute Wäschestücke erwartet, vielleicht sogar Blutspritzer an den Wänden. Stattdessen sahen wir nichts als eine sorgfältig bestückte Bücherwand aus Teakholz, einen aufgeräumten Schreibtisch und eine öde Sitzgarnitur, wie sie in den Sechzigern modern war. Gegenüber Fernseher und Stereoanlange, verschämt in einem unauffälligen Tonmöbel versteckt. Uns schauderte.

"Auf diesem Friedhof möchte ich nicht begraben sein", murmelte Julia entsetzt, und alle stimmten ihr zu. In dumpfer Vorahnung verließen wir das Grundstück.

Gegen halb neun, mitten im Tatort-Krimi, klingelte das Telefon.

"Boisemann hier", meldete sich ruhig unser Nachbar.

"Wo um Himmels willen stecken Sie? Geht es Ihnen gut?", rief ich aus.

"Warum sollte es uns nicht gut gehen? Wir sind auf Helgoland, ein Geburtstagsgeschenk unseres Sohnes. Wir möchten gerne verlängern, brauchen aber jemanden, der sich um die Blumen kümmert. Könnten Sie das vielleicht übernehmen?"

"Natürlich", sagte ich zu. Herr Boisemann verriet mir noch, wo der Haustürschlüssel versteckt lag. Dann dankte er kurz und legte auf.

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