Der Geschmack der Orangen (Kurzgeschichte)

Brigitte Neumann

 

Mit der scharfen Klinge des Obstmessers ritzte ich die Frucht vom Stiel bis zum Nabel mehrmals wenige Millimeter tief ein und schnitt am Stilansatz einen kleinen runden Deckel ab. Mein rechter Daumen schob sich in den dünnen Spalt zwischen Schale und Frucht und hob das erste Viertel der rubbeligen orangenen Umhüllung ab. Saft spritzte aus den Poren der Schale. Der Duft von Apfelsine verteilte sich im Raum.
„Schälst du mir auch eine?“ Kristin guckte von ihrem Buch auf und kam zum Tisch. Ich zog die weiße Orangenhaut sorgfältig ab, bevor ich die Frucht halbierte. Innen wuchs fast bis zur Mitte von unten die für die Navelorange typische kleine Sekundärfrucht.
„Die will ich“, meldete sich Lara, die von der Stimme ihrer großen Schwester angelockt wurde. Beide streckten mir eine geöffnete Hand entgegen. Ich gab Lara die Minifrucht aus der Frucht und Kristin die größere der beiden Hälften.
„Gleich groß geht nicht…“
„…jede Frucht hat neun Schnitze“, ergänzte Kristin.
Paul, der Mittlere unserer drei Kinder, blieb auch nicht auf dem Sofa hocken, sondern setzte sich dazu.
„Meinen Teil könnt ihr haben.“
Wie viele Vierzehnjährige trug er eine feste Zahnspange. Deshalb mied er alles Faserige, Körnige oder Klebrige, was sich in den Brackets festsetzen könnte.
„Erzähl doch nochmal von der Orange“, bat Lara.
„Von welcher?“
Paul grinste: „Du erzählst doch immer von derselben.“
„Die von dem Schlafzimmer, wo die Apfelsinen immer auf dem Schrank lagen.“ Lara ließ nicht locker. Drei Augenpaare blickten in meine Richtung.
Draußen fing es an zu dunkeln. Im Ofen in der Ecke prasselte das Feuer mit lodernder Flamme. Kristin blickte auf die Uhr. Eine Stunde hatte sie noch Zeit bis zum Fahrschulunterricht.
„Erzähl auch, wie du Tante Minchen heimlich beim Waschen zugeguckt hast.“ Lara kicherte. Die drei begannen, sich gegenseitig die Geschichte zu erzählen von mir, ihrer Mutter, als kleinem Mädchen, das im großen Doppelbett neben der Tante schlief und sich immer umdrehen musste, wenn die Tante sich früh und abends am Waschbecken von Kopf bis Fuß wusch. Nur hatte Tante Minchen nicht bedacht, dass ich dann in einen Spiegel blicken und sie beobachten konnte.

Tante Minchen war meine Urgroßtante. Ich kann mich nicht an Falten ihres Körpers erinnern, wohl aber an kleine hängende Brüste, die sie bei der Ganzkörpermassage mit dem Sisalhandschuh nach dem Waschen mehrmals umkreiste.
Sie besuchte zweimal im Jahr meine Großmutter, ihre Nichte. Solange ich noch kein Schulkind war, kam ich auch. Ich liebte Tante Minchen und mochte, wenn sie mit mir spazieren ging und dabei Geschichten erzählte.
Tante Minchen wäre gern Lehrerin geworden. Doch sie gab ihren Wunsch nach dem Traumberuf für immer auf, als ihre ältere Schwester Friederike zu Beginn des ersten Weltkriegs ihren Mann durch einem Handgranatenunfall verlor. Ohne Tante Minchens Hilfe hätte „Rieke“ allein gestanden mit vier kleinen Kindern und einem neu eröffneten Reformhaus, das seinen Kundenstamm noch ausbauen musste, um existieren zu können.
Für mich brachte Tante Minchen jedes Mal eine riesengroße Orange mit. Sie gab sie mir nicht einfach, nein, sie zelebrierte sie. Während ich die Apfelsine in beiden Händen zum Tisch trug, holte sie einen Teller aus dem Schrank, eine kleine Gabel und das scharfe Küchenmesser aus der Schublade. Dann setzten wir uns beide an den Tisch mit der abgewetzten Platte. Sie begann, die Apfelsine sorgfältig zu schälen.
„Als ich noch Kind war“, erzählte sie, während sie die Frucht in einzelne Schnitze teilte und jede davon in feine Scheiben schnitt, „war eine Apfelsine ein Festessen. Jedes von uns bekam nur einen Schnitz. Das ging immer genau auf, weil wir neun Geschwister waren.“
Sobald Tante Minchen alle Scheiben geschnitten und kreisförmig gefächert übereinander liegend auf dem Teller angerichtet hatte, schob sie ihn mir zu. Ich griff zu der kleinen Gabel. Für mich begann mein Festessen. Vorsichtig piekste ich das erste Stückchen auf und schob es in den Mund. Langsam genoss ich Stück für Stück. Anschließend aß ich mindestens solange nichts anderes bis der letzte Hauch vom Geschmack der süßen Frucht aus meinem Mund verschwunden war. Tante Minchen hatte abgelehnt, als ich ihr ein Stück anbot.
„Heute hätte Deine Uroma Geburtstag gehabt.“
Ich sah hin zu ihr. Sie blickte mich nicht an, sondern schaute wie in weite Ferne. In dem Moment stellte ich zum ersten Mal fest, dass der Nachgeschmack der Apfelsinen dem Nachgeschmack des Weinens ähnelt. Mir saß ein Kloß im Hals.
„Musst du weinen?“, fragte ich Tante Minchen.
Sie antwortete erst nach einer Weile.
„Ich habe keine Tränen mehr.“
Ich erschrak darüber, dass die Menge der Tränen ausgehen könnte und beschloss, sparsamer als bisher mit meinen umzugehen. Aber ich traute mich nicht zu fragen, wieviel Tränenvorräte der Mensch denn habe.
„Deine Uroma und ich haben oft geweint in den Kriegsjahren, als wir nicht wussten, ob unsere Jungs, deine Großonkel, noch am Leben waren. Wilhelm blieb vermisst. Karl-Ernst starb in Frankreich an der Ruhr. Er hatte so gern gelacht. Rieke schwieg drei Tage, als wir die Nachricht erhielten. Dann zog sie mich in ihr Zimmer. Ich höre noch ihr Gebet: ‚Lieber Gott, lass uns nicht verbittert werden,’ sagte sie. Sie umarmte mich lange und unsere Tränen flossen - endlich… Aber Siegfried kam zurück. So spät kehrte er aus der Gefangenschaft heim, dass wir kaum noch zu hoffen gewagt hatten.“
Tante Minchen faltete die Hände und schwieg. Ich dachte an Onkel Siegfried, den ich nur mit weißem Kittel in dem Reformhaus kannte, aus dem die guten Orangen kamen. Tante Minchen rückte den Stuhl zurück und erhob sich:
„Lass uns jetzt spazieren gehen.“

Kristin, Paul und Lara unterhielten sich inzwischen über die neue CD von den Wise Guys. Vor mir türmte sich ein Berg von Apfelsinenschalen. „Du siehst Tante Minchen ähnlich“, hatte meine Mutter nach meiner Abiturfeier gesagt. Ob das ein Lob war? Tante Minchen hatte den Ruf einer strengen, verknöcherten, bigotten Jungfrau und war gefürchtet. Mir schenkte sie so viel. Mehr noch als die Möglichkeit, die weibliche Anatomie frühzeitig zu entdecken, gab sie mir ihre Zeit, ihre Geschichten – und sehr oft auch ihr Lachen.

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