Stille Helden (Kurzgeschichte)

Harald Renner

 

Rechtsanwalt Wulf Brückner war ein drahtiger, weißhaariger Mann mit ruhigem, forschenden Blick unter buschigen Brauen. Er mochte damals, im Jahre 1972, fünfzig Jahre alt gewesen sein.

"Herr Dr. Renner, Sie sind Oberstabsarzt und Kompaniechef meines Mandanten, des Sanitätssoldaten Andreas Schwalm. Mir liegt ein Auszug aus seiner letzten Beurteilung vor. Das Schriftstück haben Sie unterschrieben. Sie äußern sich lobend über seine Einsatzbereitschaft und seine charakterliche Eignung. Stehen Sie zu dieser Beurteilung? Oder würden Sie den Soldaten heute anders bewerten?"

"Ja, ich stehe zu meiner damaligen Beurteilung, würde Herrn Schwalm heute aber anders bewerten."

"Weil er Sanitätsmaterial organisiert hat?"

"Ja, deshalb. Das Material gehörte ihm nicht, er hat es widerrechtlich entwendet."

Ohne auf meine Antwort einzugehen, stellte der Anwalt mit Bestimmtheit fest: "Sie bestätigen also, dass Sie meinen Mandanten für einen tüchtigen und einsatzbereiten Soldaten halten. Da stimme ich Ihnen zu."

Rechtsanwalt Brückner kehrte an seinen Platz zurück und entnahm seinem grauen Klemmordner ein Schriftstück, das er in die Höhe hielt. Es war die Kopie eines Artikels aus der Oberhessischen Presse.

"Vor gut zwei Jahren machte mein Mandant Schlagzeilen, nachdem er unter Lebensgefahr eine junge Frau aus ihrem brennenden Auto gerettet hat. Wussten Sie das?"

"Nein, davon weiß ich nichts. Das war vor meiner Zeit im Marburger Santiätsbataillon."

Die Richterin forderte mich auf, die Gegenstände zu benennen, die im Materialbestand meiner Einheit gefehlt hatten.

Die Liste, die ich vortrug, war lang. Man hatte die Geräte bei einer Hausdurchsuchung im Keller des Soldaten gefunden, einiges auch im Kofferraum seines Peugeot. Das Sanitätsmaterial, das wir schmerzlich vermisst hatten, reichte aus, um eine Gesundheitsstation in einem Entwicklungsland mit dem Nötigsten zu versorgen: Intubationsbesteck, Tracheotomiegerät, Sauerstoffbehandlungsgerät, chirurgische Bestecke und einiges mehr. Ich wies darauf hin, dass ein Teil der Geräte ärztliches Fachwissen voraussetzt, um sinnvoll eingesetzt zu werden.

Bedächtig trank der Verteidiger einen Schluck Wasser, ehe er mir antwortete. "Ärztliches Fachwissen, ja? Einige hier im Saal wissen vielleicht, dass ich ab 1944 als einfacher Sanitätssoldat eingesetzt war und den Weltkrieg noch aus eigener bitterer Erfahrung kenne. In den letzten Kriegsmonaten waren wir auf dem Hauptverbandplatz ganz auf uns allein gestellt, haben keinen Arzt mehr gesehen, keinen Stabsarzt, keinen Oberstabsarzt. Von wegen: ärztliches Fachwissen!"

Er wies mit dem Finger auf mich, und ich merkte, dass ich rot wurde und mich schuldig fühlte. Stellvertretend für alle Ärzte, die nicht mehr dort waren, wo man sie gebraucht hätte.

"Wir haben damals alles behandelt, was uns in die Hände fiel, haben amputiert, anästhesiert, Bauchwunden versorgt, Infusionen gelegt, den Wundbrand bekämpft. Wir haben gehandelt, weil wir nicht anders konnten, weil unser Gewissen das von uns verlangte. Wir waren dankbar für jedes Sanitätsmaterial, das wir organisieren konnten. Ja, organisieren, nicht stehlen. Wir haben sogar mit Konservendeckeln operiert, wenn wir nichts anderes mehr hatten."

Er hielt solidarischen Blickkontakt zu seinem Schutzbefohlenen. Im Saal war es still geworden.

"Andreas Schwalm ist ein tüchtiger, einsatzbereiter Sanitätssoldat. Ein Helfer und Organisator, aber kein Dieb. Einer von denen, die es nicht ertragen können, mit leeren Händen an einer Unfallstelle vorbeizufahren. Einer, der zupacken muss, wenn Leben auf der Kante steht. Ich frage Sie alle hier: Lägen Sie als Unfallopfer im Straßengraben, lebensgefährlich verletzt, aus vielen Wunden blutend, und ein Herr Schwalm käme gerade noch rechtzeitig als Ersthelfer hinzu - würden Sie ihn dann zurückweisen oder nach seiner ärztlichen Approbation fragen? Oder würden Sie nichts als dankbar sein, wenn er seine Sache gut macht?"

Rechtsanwalt Brückner sprach ruhig und leise, jedes Wort betonend: "Noch etwas liegt mir auf der Seele. Wäre dieser junge, hilfsbereite Soldat vierzig Jahre früher geboren, und hätte er in den letzten Kriegswochen an meiner Seite gestanden, wir wären gute Kameraden geworden. Und was seinen angeblichen Diebstahl betrifft: Kein Schaden ist entstanden, alles Gerät liegt wieder am alten Platz."

Das Urteil fiel milde aus: eine angemessene Geldstrafe und ein paar Wochenenden Arbeit in einem sozialen Brennpunkt.

Vor dem Gerichtssaal wartete ich auf den Anwalt, der in Begleitung der Staatsanwältin durch das Hauptportal schritt. Ich ging auf ihn zu. "Herr Brückner, war das Ihr Ernst, dass Sie mit Konservendeckeln operiert haben?"

Der Angesprochene lächelte und nickte. "Natürlich. Wir hatten einen vielseitig begabten Werkzeugmacher in unserer Kompanie. Der hat aus den Konservendeckeln brauchbare Skalpelle hergestellt. War unser wichtigster Mann." Dann gab er mir die Hand und folgte seiner Kollegin die Treppe hinunter.

In den folgenden Jahren befasste ich mich intensiv mit der Medizingeschichte des Zweiten Weltkrieges. Das Buch "Die unsichtbare Flagge" von Peter Bamm las ich mehrfach. Ich suchte und fand Zeitzeugen, die den Krieg als Sanitätssoldaten erlebt hatten. Rechtsanwalt Brückner hatte meinen Blick dafür geschärft, wie wichtig es ist, Ersthelfer gut auszubilden und so auszustatten, dass sie in den kritischen Minuten nach einem Trauma rettende Sofortmaßnahmen beginnen können. Mein beruflicher Werdegang wurde von dieser Vorstellung entscheidend geprägt. Ich konnte als Notarzt im Klinikum Gießen wertvolle Erfahrungen an vielen Unfallorten sammeln, leitete in Marburg eine Intensivstation. Am Ende meiner Laufbahn war ich verantwortlich für die Sanitätsausbildung der Bundeswehr. Seit meiner Pensionierung arbeite ich als Bereitschaftsarzt im Deutschen Roten Kreuz. Die Breitenausbildung der Bevölkerung in Erster Hilfe ist mein besonderes Anliegen geblieben.

Ob der Soldat Andreas Schwalm das Sanitätsmaterial tatsächlich aus uneigennützigen Motiven "organisiert" hatte? Auf diese Frage habe ich keine Antwort gefunden. Weder den Soldaten noch seinen Anwalt habe ich je wieder gesehen.

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