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Themen "Leben": |
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Der Versicherungskaufmann Heinz Feddersen, Anfang vierzig und bei der Hanseatischen Allgemeinen verantwortlich für Risikoprüfung und Kundenberatung, führte ein wohl geordnetes Leben. Er lebte nach der Uhr. Jeden Morgen stand er um die gleiche Zeit auf, kam um die gleiche Zeit in sein Büro, aß um die gleiche Zeit zu Mittag und ging um die gleiche Zeit schlafen. An einem Donnerstag im November verließ er sein Büro pünktlich um 17.30 Uhr. Nachdem er die üblichen drei Minuten an der Haltestelle gewartet hatte, stieg er in einen Bus der Linie 60. Am Steuer saß wie so oft sein Freund Willy Otremba. Er wechselte einige Worte mit ihm und strebte dann wie jeden Abend zu seinem Platz. Bedächtig kramte er sein Handy aus der Jackentasche und schaltete es ein. Auf dem Display erschien mit Summton eine SMS von Elke: "Onkel Henry wurde gestern erlöst. Beisetzung Montag. Komm und trockne meine Tränen! Carol will dich kennen lernen. Wann fliegst du? Ich umarme dich, deine Elke." Nach kurzem Nachdenken entschloss er sich zu dieser Antwort: "Ich umarme dich auch und tröste dich. Flug unmöglich, du weißt es. Zu Carol und ihrer Farm heute kein Wort, alte Kupplerin! Dein Bruder Heinz." Feddersen ging durch den Gang nach vorne und blieb neben Otembra stehen. "Mein Erbonkel ist gestern gestorben, der Banker aus Montana. Meine Schwester hat ihn bis zuletzt gepflegt." "Das tut mir leid", bemerkte Otremba, den Blick auf die Straße gerichtet. "Ich muss dir auch etwas sagen. Wir ziehen im Januar in den Schwarzwald. Ich kann dort im Reisebüro meines Schwagers mitarbeiten. Hier hängt mir alles zum Hals heraus. Schon lange." Feddersen nickte. "Mir geht es genau so. Am liebsten würde ich auch etwas ganz Neues anfangen, auf der Stelle. Aber was? Midlife crisis, was meinst du?" Er wartete keine Antwort ab und verließ den Bus mit einem kurzen Gruß. "Willst du uns nicht hereinlassen?", fragte ihn seine Schwester eine Woche später, als sie plötzlich unangekündigt vor seiner Haustüre stand. Sie glitt an ihm vorbei und warf ihre Reisetasche auf das Sofa. Dann schob sie die schlanke, sportlich wirkende Frau in ihrer Begleitung durch die Türe, ohne die Zustimmung ihres Bruders abzuwarten. "Carol, this is Heinz. Heinz, this is Carol. Starr uns nicht so an, der Flug war anstrengend genug. Jetzt brauchen wir eine Dusche. Gibt es dein Gästezimmer noch?" "Ja, das gibt es noch. You are welcome." Er zog seine Schwester an sich und blickte an ihr vorbei Carol an. Sie erwiderte ruhig und offen seinen Blick. "Wie lange könnt Ihr bleiben?" fragte Feddersen. "Drei Tage. Dann müssen wir zurück. Dich nehmen wir mit." Ihr Bruder hob abwehrend die Hände: "Mich kriegen keine zehn Pferde in ein Flugzeug, dabei bleibt es." Carol war klug genug, seine Partei zu ergreifen. Sie blickte Elke vorwurfsvoll an: "Lass uns doch erst einmal ankommen. Heute Abend reden wir in Ruhe weiter." Feddersen kam nach Dienstschluss pünktlich nach Hause. Die beiden Frauen hatten es sich in seiner Wohnung gemütlich gemacht. Alles war aufgeräumt, der Abendbrottisch gedeckt und mit einem Strauß Astern geschmückt. Sie ließen es sich schmecken. Elke und Carol schwatzten drauflos, gestikulierten, kicherten und fielen sich gegenseitig ins Wort. Feddersen beschränkte sich auf´s Zuhören. Er fühlte sich wohl dabei. In der Nacht lag er lange wach, fühlte sich zerrissen und konnte keine Lösung für seinen eigenen weiteren Weg finden. Er sehnte sich nach den alten Regeln und Sicherheiten, spürte aber zugleich den quälenden Wunsch, alles hinter sich zu lassen und ganz neu durchzustarten. Noch war er nicht zu alt dafür. Warum schafften es immer nur die anderen? Am nächsten Abend war Onkel Henry das beherrschende Thema. Sie sprachen über den Verlust, über notwendige Veränderungen und über das beträchtliche Erbe, das sie erwarten durften. Elke schien entschlossen, ihren Anteil in der Farm ihrer Freundin anzulegen und sich dort eine Wohnung einzurichten. Carol holte einen Bildband von Montana aus ihrem Koffer und schenkte ihn dem Gastgeber, nachdem sie ihm viele Bilder erläutert und mit kleinen Anekdoten gewürzt hatte. Sie saßen eng beieinander. Am letzten Abend fragte Carol unumwunden, ob Feddersen die Verwaltung ihrer Farm übernehmen wollte. "Dann bauen wir gleich noch eine Wohnung dazu." Als sie seine Verwirrung bemerkte, lachte sie und riet ihm, die Frage auf der Stelle zu vergessen. Sie wüsste ja, dass er niemals fliegen würde. Das Grübchen in ihrer rechten Wange vertiefte sich. Feddersen erwiderte ihr Lächeln, wurde dann ernst und und bat sich sechs Wochen Bedenkzeit aus, bis Neujahr. Dann hätte er sich entschieden. Carol umarmte ihn: "Aber keine Sekunde später, mein Freund!" Elke ergänzte: "Und wenn du mit dem Schiff kommen willst: Nimm uns mit, Kapitän, auf die Reise!" |
Kurzgeschichten
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