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Wüstenwanderung

Brigitte Neumann

Bild Ernährung

Reisen in die Wüste sind "in". Auf der Suche nach Ruhe und Stille, nach unberührter Natur und dem Ausbrechen aus unserer hektischen Welt folgen immer mehr Menschen den Einladungen vieler Reiseveranstalter. Wer im Internet surft, findet mehr als tausend Angebote dazu. Viele klingen so ähnlich wie:

Mit den Nomaden durch die Wüste

Ihre Karawane wird geführt von einem erfahrenen Karawanenführer, dessen Vorfahren u.a. auch Salzkarawanen bis nach Timbuktu geleitet haben. Er ist sahrouischer Anthropologe. Er liebt die Landschaft der Wüste wie den lebendigen Austausch am Lagerfeuer, wenn er über die reiche nomadische Kultur berichtet. Sie können ihre Musik kennen lernen, die Naturmedizin und ihre Anwendungen erleben.

Sie werden die märchenhaft schöne Landschaft der Sahara kennen lernen, die Bilderbuchdünen ebenso wie die kargen Gebirgslandschaften, die oft an den Grand Canyon erinnern. Sie werden mit unglaublich gastfreundlichen Menschen zusammen sein und deren Fröhlichkeit und Freundlichkeit erleben. Sie lernen das Gefühl kennen, unter einem Sternenhimmel mit Tausenden von Sternschnuppen zu schlafen (oder zu wachen) und morgens vom Knistern des Feuers geweckt zu werden.

Sie werden in der Leere die Fülle entdecken! Und voller Staunen feststellen, wie auch noch der ärmste Hirte, der sich zu Ihnen ans Feuer setzt, die Schönheit der Landschaft in seinem Herzen trägt.

Diese Einladung beinhaltet viel von der Faszination, die die Wüste auf Reisende unserer Zeit ausübt. Sie kommt von der Hilfsorganisation Azalay, die gleichzeitig ein umfangreiches Programm zur Rettung des Wüstenlebens gestartet hat und damit zum Erhalt des nomadischen Lebensraumes beitragen möchte.

Augenblicklich jedoch blicken wir entsetzt dorthin, wo Soldaten in die Wüste geschickt werden. Wir sind voller Furcht, dass dort ein Krieg begonnen wird, dessen verheerende Auswirkungen unüberschaubar sind und dessen Eskalation niemand abschätzen kann. Schwer auszuhalten ist die Ohnmacht, die uns überfällt, dieses Gefühl, in einer Situation gefangen zu sein, in der aller Widerstand offensichtlich doch nichts nützt, in der eine verheerende Eigendynamik des Geschehens nicht mehr zu stoppen ist, in der Zweifel an der objektiven Berichterstattung berechtigt sind und der wir nicht ausweichen können.

Wie weit ist das weg von der Wüstenwanderung, wo man das Gefühl kennen lernt, unter einen Sternenhimmel mit tausenden von Sternen zu schlafen oder zu wachen und in der Früh vom Knistern des Feuers geweckt zu werden.

Es gibt Situationen in der Geschichte der Nationen - und in unserer eigenen Lebensgeschichte, um die wir nicht herumkommen. Da müssen wir offensichtlich mitten hindurch, auch, wenn wir uns fürchten, Angst haben, von Zweifeln geschüttelt werden - vielleicht auch voller Wut, Zorn und Ärger sind. Ratlosigkeit herrscht, Sicherheiten beginnen zu wanken, billige Rezepte gibt es nicht, der gestern noch klare Blick in die Zukunft scheint im Nebel zu liegen, Neuorientierung ist gefragt, doch wohin?

Etwa in die Wüste? In der Bibel lesen wir, wie Gott sein Volk raus aus Ägypten mitten durch die Wüste ins gelobte Land schickte, wie Propheten in tiefster Verzweiflung den Weg in die Wüste suchten und wie Jesus in die Wüste ging und den Versuchungen dort widerstand. Zu unterschiedlichsten Zeiten in den verschiedensten Situationen führte der Weg direkt in die Wüste.

Machen wir einen Zeitsprung - in die Zeit, in der Israel in Ägypten war. Das Volk murrt. Keinen Tag länger will man als Sklave unter den Ägyptern arbeiten. Die Sehnsucht nach dem gelobten Land, nach der alten Heimat wächst von Tag zu Tag. Und endlich, endlich ist es dann soweit. Das, was lange Zeit schier unmöglich schien, geschieht. Das Volk macht sich auf den Weg - direkt geführt von Gott. Als Wolkensäule am Tag und Feuersäule in der Nacht geht er vor ihnen her.

Doch eine Luxus-Komfort-Reise wird das nicht. Gleich zu Beginn der Reise kommen die Ägypter hinterher - und müssen abgeschüttelt werden. Kein LKW fährt das Gepäck schon mal voraus. Keine freundlichen Nomaden öffnen ihre Zelte, um die müden Pilger abends Unterschlupf finden zu lassen. Nein, es lauern die Gefahren des Wüstensandes - allen voraus die ganz elementare Frage, ob es denn genug zu Essen und zu Trinken geben wird. Dann, wenn die Zustände unerträglich werden, beginnt das Volk zu murren: Wären wir doch in Ägypten geblieben, da wussten wir wenigstens, dass wir hart arbeiten und irgendwann sterben mussten. Jetzt verdursten und verhungern wir mitten in der Wüste. Ist das etwa ein Gewinn?

Und Gott antwortet. Gott nimmt das Murren sehr ernst. Er gibt. Er öffnet das Schilfmeer, er macht bitteres Wasser süß und er sorgt dafür, dass genügend zu essen da ist. Hören wir, wie er sein Volk unterwegs versorgte:

"Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der Herr Euer Gott bin. Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager.

Und als der Tau weg war, siehe, da lag's in in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde.

Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie unter einander: Man hu? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu Ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat.

Das ist's aber, was der HERR geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte.

Und die Israeliten taten's und sammelten, einer viel, der andere wenig.

Aber als man's nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte.

Und Mose sprach zu ihnen: Niemand lasse etwas davon übrig bis zum nächsten Morgen.

Aber sie gehorchten Mose nicht. Und etliche ließen davon übrig bis zum nächsten Morgen; da wurde es voller Würmer und stinkend. Und Mose wurde zornig auf sie.

Sie sammelten aber alle Morgen, soviel ein jeder zum Essen brauchte. Wenn aber die Sonne heiß schien, zerschmolz es. 2. Mose 16, 12-20,

Und sie haderten mit Mose und sprachen: Gib uns Wasser, dass wir trinken. Mose sprach zu ihnen: Was hadert ihr mit mir? Warum versucht ihr den HERRN?

Als aber dort das Volk nach Wasser dürstete, murrten sie wider Mose und sprachen: Warum hast du uns aus Ägypten ziehen lassen, dass du uns, unsere Kinder und unser Vieh vor Durst sterben lässt?

Mose schrie zum HERRN und sprach: Was soll ich mit dem Volk tun? Es fehlt nicht viel, so werden sie mich noch steinigen.

Der Herr sprach zu ihm. Tritt hin vor das Volk und nimm einige von den Ältesten Israels mit dir und nimm deinen Stab in deine Hand, mit dem du den Nil schlugst, und geh hin.

Siehe ich will dort vor dir stehen auf dem Fels am Horeb. Da sollst du an den Fels schlagen, so wird das Wasser herauslaufen, dass das Volk trinke. Und Mose tat so vor den Augen der Ältesten von Israel. 2. Mose 17,2-6

Wachteln, die vom Himmel fielen, Manna, das nur eingesammelt werden musste und Wasser, frisch aus dem Wüstengestein. Mitten in der Wüste - da wo alle Wüstenromantik längst verflogen ist, weil die Sonne brennt und die Zunge am vertrocknen ist, gibt Gott den Menschen genau das, was sie brauchen, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Wüstenwanderungen sind seit jeher ein Kampf ums Überleben inmitten von endlosen Sandflächen, ungeheuren Trockengebirgen, ausgesetzt dem Rhythmus glühender Tage und kalter Nächte, trockener Sommer und heißer Winter. Das einzigartige und ganz besondere, die geheimnisvolle Schönheit der Wüsten aber sind ihre unversiegbaren Quellen. Oasen mitten in der Wüste faszinieren. Es ist wie ein Wunder, dass inmitten aller Kargheit natürliche Brunnen fließen, deren Wasser ausreicht, um Palmen wachsen zu lassen und Wüstenwanderer vor dem Verdursten zu bewahren.

Die Schönheit der Wüste bleibt erhalten, wenn sie durchwandert wird. Sie ist kein Ort zum Sesshaft werden. Dort, wo sich Menschen an den Wasserquellen ansiedeln, reicht das Wasser der Brunnen bald nicht mehr aus, muss tiefer gebohrt werden, kommt nach wenigen Jahren gar kein Wasser mehr - und die Oase versandet. Auch davon erzählt die biblische Wüstenwanderung in ihren Bildern: nimm so viel du brauchst, halte nichts fest - und dann zieh weiter. Der nächste Tag wird für das Seine sorgen.

Erinnern Sie sich noch an das Reiseangebot? "Sie werden in der Leere die Fülle entdecken" heißt es dort. Reichen zwei Wochen in der Obhut erfahrener Reiseführer aus, die Wüste in all ihren Widersprüchlichkeiten zu erleben? Die Schönheit kommt gewiss rüber, die mehr oder weniger "gefüllte" Stille auch, von der unerhörten Härte des Überlebenskampfes wird vermutliche weniger zu spüren sein. Das ist ganz legitim, denn schließlich wird ja eine Urlaubs- und keine Überlebensreise angeboten. Doch beides zusammen - die faszinierende Schönheit und die unerhörte Härte macht die Wüste im Bewusstsein der Menschen zum Gleichnis für Leben überhaupt.

Übertragen wir das Bild der Wüstenwanderung auf unser Leben, dann könnte es, ein wenig abstrakter gemalt, so aussehen:

Geh Deinen Weg. Geh ihn nicht allein, sondern zieh mit der Karawane derer, die ebenso unterwegs sind wie Du, von Brunnen zu Brunnen.

Wirf Dein Vertrauen nicht weg. Fang lieber an zu murren, wenn Du nicht mehr klar kommst, flehe um Hilfe, wenn Dich die Sorgen und Nöte bedrücken, wende Dich hin zu Gott und erwarte, dass Er geben wird, was Du brauchst.

Schöpfe Mut und Zuversicht von denen, die für uns menschliche Hoffungsträger sind. Vermutlich kennt jeder von uns mindestens einen Menschen, der wie eine Oase ist.

Freu Dich an den Schönheiten der Natur. Wenngleich wir hier nicht den klaren Sternenhimmel der kalten Wüstennacht haben, glitzert tagsüber der Schnee in der Sonne und werden bald schon die ersten Knospen den Frühling mit seiner unvergleichlichen Lust nach Sonne und nach Leben ankündigen.

Erhalte in Dir die Sehnsucht nach dem verheißenen Land, in dem die Liebe und der Frieden zu göttlicher Vollkommenheit gelangen werden - und lebe dennoch bewusst im Hier und Jetzt mit all seinen Unzulänglichkeiten und Begrenzungen..

Wo Menschen ein Ja finden zu ihren eigenen Unvollkommenheiten, wo die Härten des Lebens nicht an den Rand gedrängt, sondern miteinander durchlebt und durchlitten werden, wo Krankheit und Sterben genauso seinen Platz hat wie das blühende Leben, wo wir füreinander und zusammen unterwegs sind mit dem gemeinsamen Anliegen, den Frieden und die Liebe leben zu wollen, da fällt - mitten hinein in die Ängste und Wirren unserer Zeit, in das Entsetzen über einen drohenden Krieg in der Wüste, in die Sorgen um die Stabilität unserer Zukunft - ein Tropfen von dem Regen, der aus Wüsten Gärten macht.

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